Linde MH EMEA kauft Start-up Comnovo

Mehr als nur Sicherheit

Die KION Group hat sich den Zugang zu einer neuen Technologie gesichert, die auf einen Schlag zahlreiche Herausforderungen in der Arbeitssicherheit löst. Vertrieben und entwickelt wird das Assistenzsystem künftig unter dem Dach von Linde MH EMEA, denen mit dem Kauf des Start-ups Comnovo ein Coup gelungen ist.

2017-12-11

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Noch immer gelten Lagerhallen als gefährliche Orte. Allein in Deutschland gab es 2015 laut der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) mehr als 30.000 meldepflichtige Arbeitsunfälle mit Flurförderzeugen. Dabei ist jeder Unfall einer zu viel. Sinnvoll wäre ein System, das zuverlässig Fußgänger und auch Fahrzeuge voreinander warnt. „Es gibt auf dem Markt eine Handvoll Lösungen“, sagt Alexandra Mertel, Process Manager Linde robotics, „aber bislang funktionierte keine richtig.“


Das Problem: Die meisten Systeme arbeiten mit Sichtkontakt. Sensoren am Stapler können so Personen erkennen. „Oft sind die Gebäude aber historisch gewachsen und verwinkelt – oder eine Fahrspur liegt direkt hinter einer Tür“, sagt Mertel. Auch die Übertragungstechnik birgt Herausforderungen: Ultraschall gelangt nicht durch Wände, WLAN interferiert mit anderen Datennetzen. Und: Die Systeme warnen Fußgänger pauschal im Umkreis, was schnell zu Reizüberflutung führt. „Es wird nun einmal selten jemand seitlich des Fahrzeugs überfahren“, sagt Mertel.


Ortung mit Ultra-Breitband

Das Start-up Comnovo hat für all diese Punkte eine Lösung gefunden. Die von Gründer Andreas Lewandowski entwickelten Assistenzsysteme arbeiten mit Ultra-Breitband und funktionieren daher zuverlässig in jedem Gebäude – ohne andere Funknetze zu stören. Durch die hohe Frequenz von mindestens vier Gigahertz kann das System selbst Rolltore und Mauern durchdringen. „Und es ist sehr einfach auch in bestehende Flotten zu installieren“, fügt Mertel hinzu. In Summe Grund genug für Linde MH EMEA, das 15-Mann-Start-up zu übernehmen – ein beherzter und nicht ganz alltäglicher Schritt, der aber als Baustein hervorragend zur ganzheitlichen Sicherheitsstrategie der Operating Unit passt.

Das Start-up Comnovo wurde von Andreas Lewandowski (links außen), Dominik Gerstel (vordere Reihe, Zweiter von links) und Volker Köster (hintere Reihe, Dritter von rechts) gegründet und entstand im Rahmen eines Forschungsprojekts am Lehrstuhl für Kommunikationsnetze der TU Dortmund.

Tatsächlich musste sich Mertels Team dabei auch gegen andere Interessenten durchsetzen. Dass sich Gründer Lewandowski für Linde MH EMEA und die KION Group entschied, lag nicht zuletzt daran, dass sich Operating Unit President Andreas Krinninger persönlich einschaltete: „Herr Krinninger hat sich nicht nur für das Produkt interessiert, sondern auch für uns Menschen dahinter“, sagt Lewandowski. Das habe ihn nachhaltig beeindruckt – zusätzlich zu der Tatsache, dass Linde MH EMEA über ein weites, leistungsstarkes Vertriebsnetz verfüge. Auch KIONs Chief Technology Officer Eike Böhm unterstützte den Kauf aktiv, wie Mertel unterstreicht, und demonstrierte damit: Die KION Group sieht großes Potenzial in der Technologie von Comnovo.


Basisbaustein für Industrie 4.0

„Wir haben in einem ganzheitlichen Ansatz kontinuierlich Innovationen und Produkte entwickelt. Sicherheit ist aus unserer Sicht ein Innovationsfeld“, sagt Florian Heydenreich, Leiter Händlernetzwerk und Key Account Deutschland: „Wir stärken mit Comnovo unser Portfolio, um für die Kunden gesamtheitliche Prozessoptimierung aus Sicherheitsaspekten anbieten zu können.“ Anders gesagt: Comnovo ist ein wichtiger Baustein in der gesamten Sicherheitsstrategie von Linde.


Aber es geht um noch mehr: Die Indoor-Lokalisierung könnte sich künftig auch für ganz andere Anwendungen nutzen lassen, ist auch Erfinder Lewandowski überzeugt, der weiterhin als Geschäftsführer die Produktentwicklung betreut: „Das System wird sehr schnell in der Lage sein, auch Fahrwege zu optimieren und dadurch beispielsweise den nächstbefindlichen Stapler für den Fahrauftrag oder den günstigsten Platz für Batterieladestation zu identifizieren.“ Wenn es um Vernetzung und Industrie 4.0 geht, ist immer zunächst eine exakte Lokalisierung notwendig – Comnovos Erfindung könnte genau das liefern.


Erfrischender Start-Up-Charakter

„Der Start-up-Charakter wird uns inspirieren und Synergieeffekte mit verschiedenen Bereichen der CTO-Organisation gibt es einige“, sagt Alexandra Mertel, die sehr optimistisch für die weitere Entwicklung ist: „Man muss das erst einmal schaffen: 250 ganz verschiedene Menschen aus dem Vertrieb direkt zu begeistern“, sagt sie. „Das Produkt von Comnovo ist wirklich gut und passt genau zu uns.“ Das gilt für alle Seiten: Linde MH EMEA erweitert damit sein Portfolio an Sicherheitslösungen, die KION Group gewinnt einen wichtigen Baustein für die Industrie 4.0, und Comnovo profitiert künftig von einem größeren Vertriebsnetz.