2020-02-12

Alles und überall digital

Mit dem H20-35 der Baureihe 1202 bringt Linde Material Handling den weltweit ersten „digital truck“ auf den Markt, den ersten volldigitalisierten Gabelstapler. Auch bei STILL werden die Fahrzeuge immer vernetzter. Doch was sind die Vorteile digitaler Flurförderzeuge und wie sieht ihre Zukunft eigentlich aus?

Echte Gabelstapler in der digitalen Welt abbilden, um ihren Einsatz in einer virtuellen Umgebung ausgiebig simulieren, planen und testen und so die Gefahr von Fehlern oder Störungen in realen Prozessen reduzieren zu können – unlängst tüfteln die KION Marken Linde MH und STILL am „digital truck“. „Digitale und physische Welt verschmelzen zunehmend“, sagt Sebastian Erdmann, Senior Director Digital Solutions & Support bei STILL EMEA. Aber was heißt das für den Stapler? „Grundsätzlich haben wir immer zwei Richtungen in Hinblick auf die digitalisierte Welt“, erklärt Stefan Prokosch, Senior Vice President Produktmanagement Industrial Trucks Counterbalance bei Linde MH. Beide haben damit zu tun, Daten zu sammeln, und diese besser zu vernetzen, zu analysieren und auszuwerten. Alles zusammen, so Prokosch, katapultiere den Gabelstapler in ganz neue Bereiche.

Ganze Flotten aus der Ferne analysieren

Da ist zum einen das Flottenmanagement. Je mehr die Fahrzeuge an Daten liefern, desto genauer lässt sich eine komplette Flotte steuern, lenken und effizienter aufeinander abstimmen. Das ist im Grundgedanken nichts Neues – in der Vergangenheit bestand Flottenmanagement aber vor allem aus einzelnen, lokalen Anwendungen beim Kunden. „Künftig ist es webbasiert und integriert in ein Ökosystem“, sagt Erdmann. STILL, dessen Fahrzeuge digital nachgerüstet werden können, hat vor kurzem einem großen Automobilzulieferer vertraglich zugesagt, dessen Fahrzeugflotte über fünf Jahre hinweg um fünf Prozent zu reduzieren; das Ziel wurde bereits im ersten Jahr allein durch optimierte Prozesse übertroffen. „Der größte Punkt war dabei recht trivial, wurde aber erst dank digitaler Datenerfassung klar sichtbar“, erklärt Philipp Schmidt, Head of Product Management Applications & Services bei STILL EMEA: Es zeigte sich, dass die Fahrer ihre Förderzeuge wahllos abstellen – klare Stell- und Übergabeplätze waren eine simple, aber hocheffiziente Lösung.

Neue Ansätze für die Beratung

Das zweite große Potenzial des „digital truck“ ist der Stapler selbst. Auch der meldete in der Vergangenheit entweder schon vereinzelt Informationen, oder die Daten mussten vom Staplerführer beziehungsweise Techniker vor Ort ausgelesen werden. Künftig kommen die Daten in kurzen Intervallen zum Analysten oder sie werden automatisiert mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI) verarbeitet. Außerdem werden die Datensätze deutlich umfassender. Die KION Group nähert sich mit großen Schritten dem großen Ziel der vorausschauenden Wartung. Damit wird es möglich, Fahrzeuge zu warten oder zu reparieren bevor sie ausfallen.

Aus all dem ergeben sich auch neue Geschäftsmodelle, auf die zum Teil bereits Unternehmen außerhalb der Branche ein Auge geworfen haben. „Wir entwickeln digitale Lösungen, um das Knowhow auf unserer Seite zu festigen und zukünftiges Geschäft nicht an Drittanbieter zu verlieren“, sagt Erdmann – ähnlich wie die Automobilhersteller, die gerade unter Druck geraten, weil IT-Unternehmen ihren Wissensvorsprung, zum Beispiel bei selbstfahrenden Fahrzeugen, ausspielen. „Kunden wollen Lösungen, unwichtig dabei ist, wie genau diese zustande kommen“, skizziert Erdmann die Herausforderung für etablierte Unternehmen. Darüber hinaus eröffneten sich aber auch ganz neue Ansätze für Beratung, oder um Kundenwünsche zu befriedigen, die so bislang nicht umsetzbar waren.

„Es gibt ganz viele mögliche und denkbare Anwendungen“, bekräftigt auch Prokosch, zum Beispiel durch neue Sensoren wie etwa den Lastsensor, der erkennt, ob ein Stapler gerade eine Leerfahrt unternimmt. „Vor allem aber soll die neue Staplergeneration auch Dinge können, an die wir heute noch gar nicht denken“, ergänzt Jens Kocab, Head of Digitalization bei Linde MH. Neue Funktionen lassen sich dann bequem durch Software-Updates freischalten, natürlich aus der Ferne. „Wir werden dadurch zukünftig in der Lage sein, die Fahrzeugfunktionen flexibel auf Basis der Kundenanforderungen anzupassen.“

Der digitale Zwilling

„Es wächst etwas zusammen“, bilanziert Prokosch: „Ein Konglomerat aus Hardware, Flottenmanagement und Interaktion mit dem Kunden.“ Daraus lasse sich dann auch ein sogenannter „digitaler Zwilling“ erschaffen: ein virtuelles Abbild des Fahrzeugs, das auf einem Bildschirm genau über Hardware, Software, Standort, Einsatz und Zustand des Staplers Auskunft gibt – und so eine Vielzahl an Auswertungen erst ermöglicht. Der Stapler, der wie eingangs beschrieben als digitales Abbild durch die Hallen oder im Außengelände der KION Kunden fährt.

Digital Truck erklärt

Was ist daran so digital?

  • Hardware: Der „digital truck“ hat künftig mit der KCU (KION Communication Unit) standardmäßig eine Telematikeinheit, eine einheitliche Hardware zur Datenverarbeitung und -übertragung an Bord. Das Fahrzeug ist zudem so gestaltet, dass künftig nachgerüstet werden kann – falls weitere Hardware für zusätzliche Funktionen vonnöten ist.

  • Software: Die KCU hat eine updatefähige Firmware, ähnlich wie mittlerweile die meisten Autos. Je nach Bedarf kann der Kunde zukünftig Funktionen freischalten lassen – zum Beispiel Informationen zum Last- oder Energiemanagement. Manche dieser Funktionen gab es bereits in der Vergangenheit, jetzt aber werden sie in einer Plattform gebündelt, integriert und erweitert. Die Software kann dann auch über die KION Cloud aktualisiert werden.

  • Sensoren: Der „digital truck “ hat standardmäßig oder optional viele verschiedene Sensoren an Bord, darunter Beschleunigungssensoren oder Traglastsensoren. Viele ergänzen sich gegenseitig. Mit dem Traglastsensor können zum Beispiel Vollfahrten von Leerfahrten unterschieden werden (wichtig für das Flottenmanagement) und einem Kippen des Staplers aktiv entgegengesteuert werden (wichtig für die Sicherheit).

  • Cloud-Anbindung: Immer mehr Kunden fragen gezielt nach Cloud-Lösungen. Wer tatsächlich „vorausschauende Wartung“, beziehungsweise Ferndiagnose haben möchte oder wer standortübergreifend seine Flotten managen möchte, muss die Daten von jedem Standort aus einsehen können. Die Daten der Fahrzeuge werden in der KION Cloud verwaltet sowie einheitlich und sicher gespeichert.

  • Konnektivität: Die künftige Generation an Gabelstaplern wird erstmals „always on“ sein – immer verbunden und überall erreichbar. Das macht viele Applikationen erst möglich, weil jetzt Daten konstant in „Echtzeit“ analysiert werden können. Die Modelle der Baureihe 1202 verfügen schon jetzt über 3G- und 4G-Karten, künftig wird auch 5G möglich sein. Mit 5G könnten Daten in Echtzeit aktualisiert und in die Cloud eingespielt werden. Alle anderen Fahrzeuge von STILL und Linde MH können mit Basisfunktionalitäten nachgerüstet werden.

Wie der „digital truck“ die Zukunft gestaltet:

  • Flottenmanagement: Welche Stapler sind gerade im Einsatz, welche Fahrzeuge waren im vergangenen Monat unterbeschäftigt, wo lassen sich effizientere Routen planen? Wer seine Flotte managen möchte, der will das häufig auch standortübergreifend machen – und zwar in Echtzeit. Über Flottenmanagement-Systeme wie zum Beispiel STILL neXXt fleet oder Linde Connect werden die Daten verarbeitet und analysiert.

  • Maintenance: Wartung, unmittelbar bevor das Einzelteil ausfällt – der Traum von einer echten „Predictive Maintenance“ wird realer, je mehr Daten sich über die Bestandteile des Staplers aus der Ferne auslesen lassen. Schon jetzt lässt sich viel genauer als jemals zuvor erkennen, ob es demnächst zu Problemen kommen könnte. Künftig wird sich das Potenzial für Analysen dank künstlicher Intelligenz (KI) vervielfältigen. Für die Reparatur kann der Service-Techniker dann remote (über das Netzwerk) auf das Fahrzeug zugreifen und möglicherweise aus der Ferne das Problem beheben.

  • Energiemanagement: Wann muss welcher Stapler aufgeladen werden, und wie macht er das ohne Warteschlangen, ohne Arbeitsunterbrechung und ohne das Stromnetz zu überlasten? Mit den Daten der digitalisierten Flotte wird Energiemanagement effizient in die tägliche Routine der Flotte integriert.

  • Datensicherheit: Der Kunde behält die volle Kontrolle, welche Daten er teilen möchte. Er kann die vielfältigen Analysen auch bei Bedarf selbst durchführen. Seine Daten werden dabei sicher in der KION Cloud gespeichert.

Raus aus der Werkstatt, ran an den Schreibtisch

„Die Zukunft vorauszusehen ist keine Magie, das ist künstliche Intelligenz.“