2020-11-04

Erfolgreich integriert

In China ist eine Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Bildungseinrichtungen in der Berufsausbildung keine Seltenheit. Ein duales System, wie in Deutschland, ist im Reich der Mitte allerdings eher außergewöhnlich. In der Regel gehen die Schüler bzw. Studierenden vor ihrem Abschluss für ein Kurzpraktikum in ein Unternehmen und starten dann – mit dem Zeugnis in ihrer Tasche – direkt ins Berufsleben. Mit diesem Konzept können allerdings die sehr speziellen Anforderungen in den jeweiligen Industriebranchen nicht immer erfüllt werden, insbesondere wenn es um Arbeitsplätze mit hohen praktischen Fähigkeiten geht, wie etwa bei Servicetechnikern von Flurförderzeugen. Die KION Marken Linde MH und Baoli haben einen großen Bedarf an gut ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Seit einigen Jahren nehmen sie sich das deutsche duale System zum Vorbild, und betreten damit in China Neuland.

Optimale Vorbereitung in der „Baoli-Klasse“

Die Idee einer speziellen Klasse – extra für Azubis, die Servicetechniker werden möchten, entstand bei Baoli 2015. Dieser neue Ansatz, mit dem die Studierenden optimal auf ihr künftiges Berufsleben vorbereitet werden sollen, erhielt tatkräftige Unterstützung seitens des Shanxi Polytechnic College in der Provinz Shanxi. Seit 2016 können Studierende aus Technischen Bereichen nach ihrem einjährigen Grundstudium an einer Prüfung teilnehmen, um in die sogenannte „Baoli-Klasse“ aufgenommen zu werden. Die Unterrichtsräume sind wie „Werkstätten“ eingerichtet, und die Dozenten - zumeist Ingenieure der KION Tochter – übernehmen 80 Prozent des Unterrichts. Für den favorisierten Praxis-Unterricht hat Baoli zwei Gabelstapler auf der insgesamt 600 Quadratmeter großen Unterrichtsfläche aufgefahren.

Was die Unterrichtsgestaltung betrifft setzt Baoli nicht mehr auf das traditionelle Auswendiglernen, sondern orientiert sich an den deutschen Lehrmethoden – ein Vorgehen, das auch bei den Auszubildenden auf großen Anklang stößt. „Der Unterricht ist überhaupt nicht trocken, weil der Dozent uns in den Unterricht einbezieht und mit uns auch diskutiert, schildert Zhou Junlei, Student der „Baoli-Klasse. Auf diese Weise erhalten wir eine solide und ausgewogene Wissensgrundlage.“ Zusammen mit 25 weiteren Studierenden kam er 2018 in die spezielle Klasse für zukünftige Servicetechniker. Nach zwei absolvierten Unterrichtsjahren werden die Teilnehmer auf Baoli-Händler in ganz China verteilt, um dort noch das dritte, abschließende Praxisjahr ihrer Ausbildung zu absolvieren. Nach seinen Zukunftsplänen gefragt, hat Zhou Junlei eine klare Vorstellung: Schritt für Schritt gute Arbeit leisten und dabei immer besser werden. „Entspricht das nicht dem deutschen Ingenieurgedanken?“

Die Übernahmequote bei Absolventen der Baoli-Klasse liegt derzeit bei mehr als 90 Prozent. Gestützt auf den Erfolg treibt Baoli nun aktiv mit einer Fachhochschule in Jingjiang den Aufbau einer zweiten Baoli-Klasse voran. Die neue, hochmodernere Ausbildungsstätte, die sich über eine Fläche von insgesamt 2.000 Quadratmeter erstreckt, ist bereits fertiggestellt. Der Unterrichtsstart ist für kommendes Jahr geplant.

Eine eigene „Universität für Gabelstapler“ von Linde MH

Auch Linde MH, eine weitere Tochter der KION Group, hat das Konzept der dualen Berufsausbildung bereits nach China gebracht – und zwar schon 2002. Das am Hauptsitz in Xiamen gelegene „Linde-Technik Training-Center“ stellt eines der ersten dieser Art in der Branche dar; Unterrichtsmaterialien und -methoden sind denen am deutschen Hauptsitz in Aschaffenburg sehr ähnlich. Jedes Jahr erhalten die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit eines ein- bis zweimonatigen Praktikums, wobei sie, je nach Fachrichtung, auf verschiedene Werkstätten aufgeteilt werden.

„Nicht nur unsere Produkte und Dienstleistungen, auch unsere Anstellungs- und Ausbildungsmodelle müssen mit der Zeit gehen“, sagt Chen Xiao, Staffing & Employee Relationship Manager von Linde MH. Deshalb hat das Unternehmen in China 2010 zusätzlich das Pre-Junior Service Technician -Ausbildungsprojekt, kurz PJST, ins Leben gerufen. „Linde will frühzeitig agieren, über unser Trainingsprogramm an Partner-Bildungsstätten informieren und Interessenten aufnehmen“, erläutert sie den Sinn und Zweck des Projekts.

Aufnehmen und nicht anstellen, denn im Rahmen des PJST-Programms verbringen die Fachhochschüler das letzte Jahr ihrer Ausbildung vollständig bei Linde. Von den Unterrichtsinhalten bis hin zu den Lehrkräften ist allein Linde MH zuständig. Die Studierenden aus unterschiedlichen Städten kommen dafür am regionalen Hauptsitz des Unternehmens zusammen. Für viele ist das der Ausgangspunkt für ihre Karriere.

Song Zan, der inzwischen Customer Service Supervisor ist, war einer von ihnen. Als einer der ersten Absolventen vom PJST-Programm ist er heute auch Mitglied des Ausbilderteams. Auf dieses Projekt ist er sehr stolz: „Linde verfügt über einen umfassenden professionellen Lehrplan, die Dozenten sind erfahrene Ingenieure und Experten, die viel Wert auf die Kombination von Theorie und Praxis legen und auch hohe Anforderungen an die Studierenden stellen.“ Inoffiziell werde die PJST-Ausbildung von Linde in China als „Universität für Gabelstapler“ bezeichnet, und auch bei der Konkurrenz sei das Interesse inzwischen sehr groß.

Erst im Juli 2020 wurden rund 100 Programmteilnehmer aus 26 Bildungseinrichtungen nach Ausbildungs- und Praktikumszeit erfolgreich in die regionalen Serviceteams integriert.

Investition in junge Menschen

Das Ende der Berufsausbildung bei den KION Brands ist außerdem zugleich der Anfang laufender Weiterbildungen: Die jährliche fachlichen Zertifizierung ist für jeden Servicetechniker die Voraussetzung für die Ausübung des Berufs und eine Beförderung.

„Wir hoffen, mit unserem attraktiven und nachhaltige Trainingskonzept mehr qualifizierte junge Menschen anzuziehen und einzustellen. Die Investition in die jungen Menschen ist die Investition des Unternehmens in die Zukunft“, weiß die Personalexpertin.

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