Vom Puzzleteil zum Herzschlag im Lager

2026-08-05 Automatisierung 4 min

20 Jahre KION: Wir blicken auf die Entwicklung der Automatisierung im Lager seit 2006 zurück – von einzelnen Anwendungen hin zum Zentrum moderner Lagerprozesse. Was einst nur ein Puzzleteil war, ist heute zum Herzschlag zunehmend vernetzter, intelligenter und autonomer Materialflüsse geworden.

Der Umschlag in Lagern hat sich vervielfacht und die Technologie hat große Entwicklungssprünge gemacht. Nach allen Maßstäben hat sich die Automatisierung im Lager seit der Gründung von KION vor 20 Jahren grundlegend verändert. Aus der Perspektive der Branche vollzog sich dieser Wandel jedoch oft weniger sprunghaft, als er im Rückblick erscheint.

So sieht es zumindest Pas Tomasiello, wenn er auf die Entwicklung der Automatisierung im Lager seit 2006 zurückblickt. Pas hat die Entwicklung aus nächster Nähe erlebt. Der gebürtige Australier ist Ingenieur und kam 2001 als Integrated Systems Consultant zu Dematic. Heute ist er als Vice President Sales & Solutions Development für die EMEA-Region tätig.

Rückblickend bezeichnet Pas die Anfänge der Lagerautomatisierung als „rudimentär“. Damals habe sich die Branche vor allem auf die Automatisierung einzelner Abläufe konzentriert – im Wesentlichen auf die Bewegung von Waren innerhalb des Lagers. „Heute geht es zunehmend um die weitgehende Automatisierung des gesamten Lagers. Gleichzeitig werden die Lösungen durch Fortschritte in allen Bereichen deutlich komplexer und leistungsfähiger“, sagt er.

Heute geht es zunehmend um die weitgehende Automatisierung des gesamten Lagers. Gleichzeitig werden die Lösungen durch Fortschritte in allen Bereichen deutlich komplexer und leistungsfähiger.

Pas Tomasiello, Vice President Sales & Solutions Development bei Dematic EMEA

Der Nachfrage voraus

Pas hat ein wiederkehrendes Muster erkannt: Neue Technologien waren dem Markt häufig voraus. „Die Möglichkeiten waren da“, sagt er. „Die Bereitschaft, sie zu nutzen, war es nicht.“ Lange Zeit habe sich der Blick vieler Unternehmen auf einzelne Prozessschritte beschränkt. Im Mittelpunkt standen vor allem wirtschaftliche Überlegungen.

Das änderte sich, als globale Krisen und Marktverwerfungen die Grenzen konventioneller Lagerprozesse deutlich machten. Unternehmen begannen, Automatisierung weniger als Kostenfaktor und zunehmend als Wettbewerbsvorteil zu sehen. Entsprechend veränderten sich auch die Fragen. „Die Menschen begannen zu fragen: Was bedeutet Automatisierung für mein Unternehmen?“, erklärt Pas. „Kann ich mit Automatisierung Fehler reduzieren? Kann ich schneller liefern?“

Eine neue Denkweise

Das Dematic Multishuttle zeigt, wie sich diese veränderte Denkweise in konkrete Technologie übersetzen ließ. Das Shuttle-System verwaltet Bestände automatisch und sorgt für effizientere Abläufe im Lager. Es steht beispielhaft für den Wechsel vom People-to-Goods-Prinzip (Person-zur-Ware) zum Goods-to-People-Prinzip (Ware-zur-Person). Damit beschränkte sich die Automatisierung im Lager nicht länger auf einzelne Prozessschritte, sondern erfasste zunehmend das gesamte Lager.

Aus der Sicht von Pas war die bedeutsamste Veränderung also nicht eine bestimmte Technologie – sondern die Art und Weise, wie Kunden das Thema Automatisierung betrachteten. In einem anderen großen Bereich von KION – dem Segment Industrial Trucks & Services – erlebte Frank Wiezorek diesen Wandel ganz konkret: am Beispiel eines Kunden.

Ein Schlüsselmoment

Damals betreute Frank als Key Account Manager einen weltweit tätigen Kunden und war vor allem für manuell betriebene Flurförderzeuge und Lagertechnik verantwortlich. Dann kam eine unerwartete Anfrage: Der Kunde wollte seinen gesamten Betrieb automatisieren. Frank nahm die Herausforderung an – und sie prägt seine Arbeit bis heute. Inzwischen ist er als Senior Director Steering and Sales Development, Automation Business Unit, für das Segment Industrial Trucks & Services von KION in der EMEA-Region tätig.

Wie weit die Automatisierung inzwischen in das einst klassische Flurförderzeuggeschäft vorgedrungen ist, zeigt sich für Frank besonders deutlich auf den Messeständen von Linde Material Handling und STILL auf der LogiMAT, der jährlichen Leitmesse der Intralogistik. „Vor einigen Jahren fand Automatisierung noch in einer Ecke des Messestands statt“, sagt er: „In diesem Jahr war sie das zentrale Element des gesamten Messestands.“

Mehr als Flurförderzeuge

Dieser Wandel spiegelt sich auch im Portfolio von KION. Seit 2006 hat sich das Unternehmen weit über seine Wurzeln als Hersteller von Flurförderzeugen hinaus entwickelt: zunächst als Anbieter integrierter Intralogistiklösungen und – insbesondere seit der Übernahme von Dematic im Jahr 2016 – zu ganzheitlichen Lösungen für die gesamte Lieferkette.

Für die Marken des Segments Industrial Trucks & Services ist Automatisierung längst mehr als eine Ergänzung des klassischen Geschäfts. Heute beginnt jedes neue Projekt mit einem ganzheitlichen Blick auf die Prozesse des Kunden. Frank Wiezorek: „Wir helfen unseren Kunden, ihren gesamten Prozess zu automatisieren.“

Gemeinsame Stärken

Innerhalb von KION bringen die einzelnen Marken unterschiedliche Kompetenzen ein. Dematic verfügt über umfassendes Know-how in der Automatisierung und langjährige Projekterfahrung in den verschiedensten Lager- und Distributionsumgebungen. Linde Material Handling steuert automatisierte Flurförderzeuge, umfassende Prozesskompetenz und bewährte Intralogistiklösungen bei. Gleiches gilt für STILL.

In manchen Projekten arbeiten die Marken eng zusammen. So kann Dematic etwa den zentralen Baustein der Automatisierung im Lager bereitstellen – z.B. in Form von Multishuttle-Systemen –, während eine Marke aus dem Segment Industrial Trucks & Services die Gesamtlösung um automatisierte Fahrzeuge und ihre jeweilige Prozesskompetenz ergänzt.

Aus Sicht des Segments Industrial Trucks & Services gab es dieses Jahr übrigens gerade wieder einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt: das automatisierte Be- und Entladen von Lkw. Die Lösung wurde im Frühjahr auf der LogiMAT als Weltpremiere vorgestellt und greift einen Bedarf auf, den viele Kunden seit Jahren als Wunsch geäußert haben. „In diesem Bereich sind wir Innovationstreiber“, sagt Frank.

Wie geht es weiter?

Auch aus Sicht von Dematic ist die Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen. Pas ist überzeugt, dass weitere Meilensteine folgen werden – darunter auch solche, die sich heute noch kaum vorhersehen lassen. Für die kommenden 20 Jahre möchte er daher keine allzu konkreten Prognosen wagen. „Wenn ich wüsste, wie die Welt in ein paar Jahren aussieht, wäre ich ein reicher Mann“, sagt er lachend.

Zwei Entwicklungen könnten die nächste Phase der Automatisierung im Lager seiner Ansicht nach jedoch maßgeblich prägen. Die erste ist der anhaltende Trend zu mobilen und flexiblen Automatisierungslösungen. Unternehmen werden fest installierte Systeme zunehmend durch flexiblere Lösungen ergänzen oder ersetzen – etwa durch autonome mobile Roboter (AMRs), fahrerlose Transportsysteme (AGVs) oder anpassungsfähige Palettenlagersysteme.

Die Belegschaft der Zukunft

Die zweite Entwicklung ist der Einzug humanoider Roboter ins Lager. Pas erwartet, dass sie künftig als „neue Belegschaft im Lager“ Aufgaben übernehmen werden, die sich bislang nur schwer automatisieren lassen – etwa das Kommissionieren oder Verpacken. „Menschen sind sehr gut darin, in einer Kiste einen bestimmten Bleistift zu finden und herauszunehmen“, sagt er. „Aber wir werden einen Punkt erreichen, an dem Humanoide selbst darin besser sind als wir.“

Trotzdem sieht Pas den Menschen auf absehbare Zeit nicht aus dem Lager verschwinden. Der Fokus liege derzeit nicht darauf, Menschen zu ersetzen, sondern ihre Arbeit zu erleichtern und sie bei immer anspruchsvolleren Aufgaben zu unterstützen.

Langfristig erwartet er, dass Künstliche Intelligenz und humanoide Roboter immer enger zusammenarbeiten und so neue Potenziale für Lager und Lieferketten erschließen werden. Wie schnell sich diese Entwicklung vollzieht, lasse sich kaum vorhersagen.

Die vergangenen 20 Jahre zeigen: Was im Rückblick wie ein großer Sprung aussieht, hat sich tatsächlich Schritt für Schritt entwickelt. Vieles spricht dafür, dass das auch für die nächste Phase der Lagerautomatisierung gelten wird.

FAQ

Wie hat sich die Lagerautomatisierung in den letzten 20 Jahren verändert?

Die Automatisierung im Lager hat sich von einzelnen Anwendungen zu einem zentralen Element moderner Lagerprozesse entwickelt. Heute geht es zunehmend um vernetzte, intelligente und autonome Materialflüsse.

Wie hat sich die Sicht von Unternehmen auf Automatisierung verändert?

Unternehmen sehen Automatisierung heute weniger als Kostenfaktor denn als Wettbewerbsvorteil. Der Blick richtet sich nicht mehr nur auf die Wirtschaftlichkeit, sondern ebenso auf Leistungsfähigkeit, Geschwindigkeit, Resilienz und das Vermeiden von Fehlern.

Wie arbeiten die KION Marken bei Automatisierungsprojekten zusammen?

Die einzelnen Marken bringen ihre jeweiligen Stärken ein. Dematic verfügt über umfassende Automatisierungskompetenz und langjährige Erfahrung mit Distributionszentren unterschiedlichster Größe und Komplexität. Linde Material Handling und STILL ergänzen dies mit automatisierten Fahrzeugen, umfassendem Prozess-Know-how und bewährten Intralogistiklösungen.

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