Wer gibt Indiens jungen Frauen vom Land eine Chance?

Mitarbeiter

KION India – mit einem kühnen Projekt.Initiative fördert technisch versierte Frauen.

Jede Heimkehr von Snehal Bhingardeve ist ein Fest. Den kleinen betonierten Vorplatz vor ihrem Elternhaus im Ort Palus im Bundesstaat Maharashtra hat dann Mutter Sumitra mit einem bunten Rangoli verziert, ein kunstvolles Ornament, das Glück bringen soll. Nachbarn schauen herein, begrüßen und umarmen die junge Frau, die gerade vier Stunden Busfahrt über eine kurvenreiche Bergautobahn hinter sich hat. Die tritt die 21-jährige Snehal alle vier Wochen von der westindischen Industriemetropole Pune aus an. Damit das Heimweh nicht zu groß wird.

Anfang einer Karriere Aber im Kreis ihrer Familie fühlt sich Snehal am wohlsten.

Ein Diplom brachte sie mit

Aber bereut hat die junge Frau ihren mutigen Schritt nie, mit noch nicht einmal 20 Jahren daheim auszuziehen und im 200 Kilometer entfernten Pune bei KION India anzufangen, als Leiterin einer Montagegruppe aus jungen Frauen in ihrem Alter. Im Gegenteil. „Ich bin die erste Frau, die das Dorf verlassen hat, um zu arbeiten. Meine Freunde sind stolz auf mich und wollen es mir gleichtun“, erzählt sie.

Das Haus ihrer Eltern ist einfach und robust aus Ziegelsteinen mit einem Blechdach, darüber das Grün von Tamarinden und Niembaum. Hinten im Stall steht eine Kuh.

Dass Snehal die Position in der Lagertechnik-Produktion ergattern konnte, verdankt sie nicht nur dem Zufall, dass ihr Onkel ihr von der offenen Stelle bei KION India erzählte. Ein Diplom in Elektrotechnik brachte sie bereits mit. Doch für die Eltern war der Schritt nicht leicht, die Tochter ziehen zu lassen. „Ich war traurig, als Snehal in eine andere Stadt ging“, berichtet Mutter Sumitra. Der Vater sei besorgt gewesen, ob seine Tochter in der Millionenstadt Pune auch sicher wäre. Die Familie lebe in einem Dorf, in dem Mädchen üblicherweise keine Ausbildung machen und früh heiraten. „Aber wir haben Snehal und unseren anderen Töchtern gesagt, dass wir für ihre Ausbildung aufkommen werden, egal was kommt“, sagt Sumitra Bhingardeve.

Ich bin die erste Frau, die das Dorf verlassen hat, um zu arbeiten. Meine Freunde sind stolz auf mich und wollen es mir gleichtun.

Snehal Manik Bhingardeve
Produktionsleiterin
KION India
Girls-Only-Line

So heißt bei KION India das Projekt, das jungen Frauen vom Lande die Chance auf eine Ausbildung gibt. Denn meist heiraten sie jung, von einer Karriere können sie nur träumen.

Als wir die Idee zu der Girls-Only-Line hatten, ging es uns vor allem darum, Einstiegsjobs für junge Frauen aus ärmeren Verhältnissen zu schaffen.

Sunil Gupta
CEO und Managing Director
KION India

Plötzlich war das Selbstbewusstsein da

Pallavi Chavan ist für die Verkabelung der gelben OM Voltas Lagertechnik-Geräte zuständig. „Als ich zu meinem Vorstellungsgespräch hierherkam, wusste ich nichts von Gabelstaplern“, berichtet sie. „Zuerst hatte ich Angst, dass ich der Aufgabe nicht gewachsen bin. Aber nach meiner Ausbildung wusste ich – ich kann das!“ Sanyukta Ravindra Talmale kommt sogar von noch weiter her als Snehal, aus Nagpur, rund 700 Kilometer östlich von Pune. „Ich war bei meinem Vorstellungsgespräch sehr nervös“, erinnert sich die zierliche Frau. „Aber als man mich dann genommen hat, war ich sehr glücklich, weil ich die erste junge Frau aus meiner Familie bin, die eine Ausbildung erhalten hat und arbeitet.“

„Sie schaffen immer einen Mehrwert“

Rund 40 junge Frauen arbeiten mittlerweile dank des Projekts bei KION India in dem Werk in Pune, und nicht mehr nur in der Lagertechnik-Produktion. „Als wir die Idee zu der Girls-Only-Line hatten, ging es uns vor allem darum, Einstiegsjobs für junge Frauen aus ärmeren Verhältnissen zu schaffen“, berichtet der CEO und Managing Director von KION India, Sunil Gupta. Voll des Lobes ist er für die Produktivität seiner Mitarbeiterinnen. „Sie sind sehr diszipliniert und schaffen Mehrwert bei allem was sie tun.“ Das habe das Management von KION India schließlich auf die Idee gebracht, die jungen Frauen auch in anderen Bereichen des Unternehmens einzusetzen. „Jetzt arbeiten sie auch in der Qualitätssicherung und in der Verwaltung.“

700 km700 km östlich von Pune lebt Sanjyukta Ravindra Talmale. Oft kommen die jungen Frauen, die bei KION India arbeiten, von weit her.
Kunstvolle Henna-Bemalung der Hände und die Arbeit mit dem Schraubenschlüssel sind kein Widerspruch.
Zwei Schwestern und einen kleinen Bruder hat Snehal. Dank KION India kann sie ihre Geschwister bei der Ausbildung unterstützen.

„Jetzt ist es finanziell leichter“

Auch für Snehal und ihre Familie hat sich durch den Job vieles verändert. „Snehal unterstützt uns finanziell“, berichtet Mutter Sumitra. Ihre ältere Schwester konnte sich so eine Ausbildung als Krankenschwester in Pune leisten. Ihrem kleinen Bruder hilft sie beim Schulgeld. „Früher mussten wir immer sehr lange nachdenken, bevor wir Geld ausgegeben haben. Das ist jetzt leichter geworden.“

Dass in ihrer Tochter das Zeug steckt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, wusste die Mutter früh. „Als Snehal in der vierten Klasse war, hat uns ihr Lehrer angerufen und gesagt, dass sie ein brillantes, intelligentes und talentiertes Mädchen ist und dass wir uns bemühen sollen, sie zu unterstützen.“

Ihr berufliches Fortkommen hat Snehal fest im Blick. „Ich plane, mein Ingenieursstudium 2019 abzuschließen und würde mich freuen, im Produktplanungsbereich bei KION zu arbeiten.“ Aber für die junge Frau ist es auch an der Zeit, der Gesellschaft zurückzugeben. „Als erste weibliche Ingenieurin aus meinem Dorf fände ich es schön, Jungen und Mädchen in Karrieredingen zu beraten und sie auf ihrem Weg zu begleiten.“

Nicht nur mit der Familie ist es jedes Mal ein freudiges Wiedersehen, wenn Snehal nach Hause kommt. Die Nachbarn schauen dann auch gerne einmal vorbei.

Zusammen arbeiten, zusammen feiern.