Automatisierung

Der Mensch denkt, der Stapler lenkt

Automatisierung wird zum Logistik-Trend, die Branche verlangt nach flexiblen Lösungen. Zusätzliches Plus: Fahrzeuge sind einfach die besseren Fahrer.

2015-03-02

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Ein Gabelstapler greift mit seinen Zinken in eine Palette mit einem schweren, weißen Sack voller Kunststoffgranulat, fährt sie zu einem Regal und setzt sie punktgenau ab. Gewöhnlicher Alltag in der Lagerlogistik? Fast. Denn die Staplerkabine ist leer. Das orange-graue Fahrzeug mit dem Schriftzug „STILL“ fährt wie von Geisterhand alleine durch den Gang, setzt millimetergenau an, lädt seine Ladung auf einer Platte im Regal ab, die sich als fahrbares Shuttle entpuppt, das den weißen Sack an den nächsten freien Platz transportiert. Für Gérard Lacher, Leiter Intralogistik-Systeme bei STILL, ist das die Zukunft: „Sobald die Bedienbarkeit vereinfacht und der Konfigurationsaufwand reduziert sind, wird das ein Massenmarkt.“


„Automatisierung“ ist kein neuer Trend in der Industrie. Aber für Logistik, Lagerhaltung und Warenverteilung ließ sich der Wunsch nach entsprechenden Fahrzeugen bislang nur schwer umsetzen. Zu komplex waren die Anforderungen. Ein Gabelstapler muss sich seinen Weg durch ein Lager suchen, in dem Menschen herumlaufen und vielleicht auch mal eine Palette im Weg steht. Er muss seine Ladung am richtigen Platz absetzen, und anschließend den nächsten Auftrag finden – eine Abfolge komplizierter Arbeitsschritte.

Herausforderung für Konstrukteure: Wie orientiert sich eine Maschine?

Auf die entscheidende Frage schien es lange Zeit keine Antwort zu geben: Wie orientiert sich ein Fahrzeug im Raum? Für Konstrukteure eine echte Herausforderung. Zunächst bewegten sich automatisierte Fahrzeuge auf festen Wegen, etwa über Schienen oder Magnetstreifen. Mittlerweile ist deutlich mehr möglich, mit ganz verschiedenen Herangehensweisen sogar: Die KION Premiummarken STILL und Linde haben Fahrzeuge im Einsatz, die unter anderem über Lasertriangulation ihren Weg im Raum finden. Nach demselben Prinzip, wie sich vor Jahrhunderten Seefahrer mit Hilfe von Sternen orientierten, brauchen die Gabelstapler drei Orientierungspunkte im Raum. Dazu müssen zuvor Reflektoren im Warenlager befestigt werden.


Linde Material Handling setzt sogar noch einen drauf: Zusammen mit den Fachleuten des französischen Elektronikherstellers BALYO wurde ein System entwickelt, über das sich der Stapler komplett selbst mit Hilfe einer 3D-Kamera orientiert und steuert. Hier muss die Halle nur ein einziges Mal abgefahren und abgefilmt werden. Anschließend weiß das Fahrzeug, bei welchen Strukturen es sich um wichtige Regale handelt - oder um einen Menschen, der im Weg steht. Der R14-Schubmaststapler von Linde zum Beispiel braucht dank der „MoveBox“ getauften Technologie von BALYO keine externen Hilfen mehr.

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Massilly France, Hersteller von Metallverpackungen, nutzt den automatischen Linde Stapler.

Alles wird flexibler

Der Effekt: Flexibilität. „Der Kunde kann bestimmte Änderungen im Ablauf auch selbst durchführen“, erklärt Tobias Zierhut, Leiter des Produkt-Marketings bei Linde. Das ist auch schon beim iGoEasy von STILL der Fall. Flexibilität ist ohnehin einer der zentralen Zukunftsbegriffe der Intralogistik. Die Prozesse werden kürzer, die Lager wandelbar. Autohersteller zum Beispiel bringen in immer kürzerer Abfolge neue Modelle auf den Markt. Früher waren bei Logistikern Vertragslaufzeiten von vier Jahren normal, „heute sind zwölf Monate schon lang“, sagt STILL Intralogistik-Experte Lacher. Das krempelt eine gesamte Branche um, auch wenn sich die konkreten Auswirkungen zunächst erst andeuten. Gerade mal ein Prozent der Flurförderzeuge sind nach Worten von Tobias Zierhut derzeit bereits automatisiert. „Aber wir erwarten etwa 20 Prozent im Jahr 2020“, prognostiziert er.


Damit geht ein noch viel tiefgreifender Wandel einher: „Im Zentrum steht heute die umfassende Lösung“, sagt Lacher. „Früher hat der Kunde nach einem Fahrzeug gefragt, und er hat ein Fahrzeug bekommen.“ Heute gehe es für STILL immer häufiger um die ganz grundsätzliche Frage: Wie sieht ein optimales Lager aus? Zum Lösungsansatz können am Ende automatische Stapler gehören, vielleicht aber auch automatisierte Regale, Förderbänder oder das STILLPalletShuttle, das den weißen Sack Kunststoffgranulat an die richtige Stelle schiebt.


„Der Stapler wird sicherlich bleiben“, sagt Lacher, „aber der gesamte Kontext ändert sich.“ Sein Experten-Kollege Tobias Zierhut bei Linde MH stimmt zu: „Die Branche wandelt sich. Von Stahl und Eisen zu Elektroniksoftware und Schnittstelle.“ Der nächste Schritt zeichnet sich schon ab: Maschinen, die miteinander kommunizieren. Ein Routenzug stellt eine Palette ab, meldet ans System, wo sie steht, ein vollautomatischer Stapler setzt sich in Bewegung und holt sie ab. Diese spezielle Vision existiert noch nicht, zumindest nicht in Serienreife, aber sie hat bereits Namen: Internet der Dinge. Industrie 4.0.

Automatisierte Fahrzeuge fahren besser

Das alles verändert auch die Rolle des Menschen. „Der Mensch wird künftig dort arbeiten, wo er auch tatsächlich einen Mehrwert schaffen kann“, sagt Zierhut. Ein Mensch kann Entscheidungen treffen und Waren einsortieren – „aber ich brauche ihn nicht, um eine Palette irgendwo hin zu fahren.“


Fakt ist: Automatisierte Fahrzeuge fahren besser als wir Menschen. Vor allem sind sie behutsamer unterwegs. „Ein Stapler ist nun mal ein Gebrauchsgut“, sagt Tobias Zierhut. Da ist bei robuster Bedienung nach sechs Wochen schon mal der Lack ab, und was die Erschütterungen im Motor anrichten, sieht man zuerst gar nicht. Wer Fahrzeuge selbständig durch die Lager fahren lässt, hat am Ende weniger Unfälle und geringeren Verschleiß. „Das Fahrzeug weiß dann einfach, dass es über dieses Schlagloch nur mit zwei Stundenkilometern fahren soll, wo der Fahrer vielleicht seine Geschwindigkeit beibehält, weil er den Unterschied dank der guten Federung gar nicht spürt“, erläutert Zierhut. Letztlich sei eine solche Fahr-Automatik auch nur konsequent. Selbst im hochsensiblen Luftverkehr ist das längst Alltag: Piloten fliegen nur noch drei Prozent der Zeit aktiv. Vor allem aber ist sie kostensparend.


Zur möglichst umfassenden Flexibilisierung gehört allerdings auch, dass am Ende immer der Mensch entscheidet, welche Prozesse er automatisch steuern möchte und wann er sich selbst hinters Steuer setzt. Sowohl bei STILL als auch bei Linde MH besitzen deswegen die automatischen Flurförderzeuge eine Fahrerkabine. Mal lenkt der Mensch, mal der Stapler. Hauptsache flexibel.