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"Eine Erfolgsgeschichte"

Als Shivaji Bajad zum ersten Mal einer dieser Maschinen gegenüberstand, mit denen er künftig tagtäglich zu tun haben würde, war er voller Unglaube. „Er wirkte viel zu klein, um zwei oder drei Tonnen heben zu können”, erinnert sich der 24-Jährige aus dem Dorf Nandangaon, rund 500 Kilometer von der westindischen Industriestadt Pune entfernt.

Doch der gelbe Stapler, den Shivaji zu Beginn seiner Ausbildung als Mechaniker bei der indischen KION Marke Voltas zu sehen bekam, stemmte die Ladung mühelos in die Höhe. „Ich war fasziniert, wie die Maschine das schafft”, erzählt er mit einem Lächeln. Die Begegnung mit dem Gabelstapler markierte für Shivaji auch in anderer Hinsicht den Eintritt in eine neue Welt. Daheim, in seinem Dorf, hatte der Sohn eines Bauern eine zweijährige technische Grundausbildung absolviert. Für viele junge Indier mit ähnlichem sozialen Hintergrund bleibt es dabei. Shivaji reichte das nicht. „Ich hörte von einem so genannten ‚Learn and Earn Scheme‘ (Lerne-und-Verdiene-Programm) in Pune. Darauf habe ich mich beworben.” Mit Erfolg.


Der Clou des von der indischen Industrie getragenen und vom Yashaswi Institute of Technology (YIT) von den Bildungsinhalten her betreuten Programms: Es kommt dem sehr nahe, was in Deutschland als Duale Ausbildung bekannt ist. Neben ihrem Einkommen erhalten die Auszubildenden nach der Arbeit jeden Tag kostenlosen theoretischen Unterricht, dazu erhalten sie Zuschüsse für Essen, Arbeitskleidung, Krankenversicherung sowie 15 Tage bezahlten Urlaub.


KION India hatte die Kooperation mit dem YIT bereits 2012 begonnen. „Wir waren eines der ersten Unternehmen, das damit angefangen hat”, berichtet Shailesh Joshi, Personalchef von KION India. „Inzwischen sind eine Menge Firmen gefolgt.” Der Grund liegt auf der Hand. „Ausbildung in Indien ist üblicherweise sehr theoretisch. In diesem Programm sind die Inhalte jeweils zur Hälfte Theorie und Praxis. Davon hat der Auszubildende sehr viel, weil er eine Menge über die Geräte lernt”, erläutert Joshi. Nach Angaben des Instituts nehmen im Bundesstaat Maharashtra, wo die Initiative ihren Ursprung hat, etwa 18.000 Auszubildende in rund 200 Unternehmen aus allen Herren Ländern an dem Programm teil.

Sunil Gupta, CEO von KION India, ist das ‚Learn and Earn Scheme‘ sehr ans Herz gewachsen. An den Produktionslinien im Werk von Pune, wo sie die gelben Voltas Stapler sorgfältig zusammensetzen, sind die zahlreichen Auszubildenden an ihren dunkelroten Arbeitskitteln gut zu erkennen. Nach der Arbeit haben sie es nicht weit in den Klassenraum für den theoretischen Unterricht: Nur ein Stockwerk über der Produktion im KION India Werk von Pune „Die Auszubildenden, in die wir heute investieren, werden uns in der Zukunft etwas zurückgeben. Sie sind Beweis für meine Überzeugung, dass Produktivität und Qualität kein Zufall sind.” Und Joshi weiß: „Wer eine Ausbildung bei Voltas absolviert, hat glänzende Berufsaussichten, und zwar überall im Land.”


„Meine Eltern waren sehr glücklich"


Das wusste auch Shivaji Bajad, als er die Zusage bekam, bei Voltas anfangen zu können. „Voltas ist ein sehr bekannter Name, und meine Eltern waren sehr glücklich, dass ich eine echte Chance hatte.” Und eine Perspektive. Denn nach der dreijährigen Ausbildung sei er „ein bisschen besorgt gewesen, wie es weitergeht”, erzählt der junge Mann mit dem gewinnenden Lächeln. Doch KION India hatte schon einen Job als Mechaniker bei einem ihrer Händler parat, praktischerweise ebenfalls in Pune. „Es war toll, das Erlernte dann bei einem Händler einbringen zu können.” Von seinem ersten Gehalt erfüllte sich der frischgebackene Angestellte einen Traum: ein gebrauchtes Motorrad, mit dem er seither jeden Morgen durch die verstopften Straßen Indiens zur Arbeit fährt.


Shivaji trägt mit Stolz das perfekt gebügelte Hemd von Trinity Material Handling Solutions. Draußen bei den Kunden zu arbeiten, liege ihm nicht so sehr, sagt er. Denn da geht es meist um schnelle Fehlerbehebung. Lieber beschäftigt er sich in der Werkstatt eingehender mit Mechanik und Motoren, nimmt sie auseinander und setzt sie wieder zusammen, geht den Dingen auf den Grund – und lernt noch mehr. Vier Absolventen des Programms arbeiten schon bei Trinity, fünf werden noch gebraucht. Für den Händler sind die Ex-Auszubildenden aus der Voltas Produktion ein Glücksfall: Sie kennen die Geräte in- und auswendig, können Kunden bei Problemen sofort und hochkompetent helfen.


Shivaji schickt zwei Drittel des Gehalts nach Hause


Wirtschaftlich hat sich das Programm für Shivaji Bajad längst gelohnt. 15.000 indische Rupien, umgerechnet rund 200 Euro, verdient er pro Monat und damit doppelt so viel wie seine schlechter ausgebildeten Freunde in seinem Heimatdorf. Zwei Drittel davon schickt er nach Hause: Damit seine Familie daheim das Elternhaus renovieren kann, in dem auch die Familie seines Bruders wohnt. Shivaji selbst schafft es allenfalls alle sechs Monate einmal nach Hause, und dann gerade einmal für drei bis vier Tage.


Noch 2016 soll die Renovierung abgeschlossen sein. Aber dann könnte es mit der Zeit noch knapper werden, denn der junge Mann hat große Pläne. Ab 2017 will er den Bachelor im Ingenieurwesen angehen. „Denn ich kann dann den nächsten Schritt meiner Ausbildung eigenständig finanzieren”, meint Shivaji Bajad stolz. Für KION India CEO Sunil Gupta ist die Bilanz klar: „Eine Erfolgsgeschichte.”