Automatisierung in Indien

„Der Markt bewegt sich schrittweise Richtung Automatisierung“

Es ist potenziell ein gigantischer Markt, mit rasantem Wachstum. Für Indiens Wirtschaftsleistung erwartet der Internationale Währungsfonds in der nächsten Jahren ein Plus von über sieben Prozent - damit mehr als China. Der Markt für Material-Handling-Produkte ist indes vergleichsweise klein, rund 10.000 Geräte wurden 2016 in dem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern insgesamt verkauft. Aber es ist jede Menge in Bewegung. Auch in Sachen Automatisierung. Der CEO von KION India im Interview.

2017-09-11

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Sunil Gupta
CEO von KION India


Herr Gupta, wie hat sich der indische Material-Handling-Markt im vergangenen Jahr und in den ersten sechs Monaten 2017 entwickelt?

Der indische Markt hat in den kommenden Jahren ein gewaltiges Wachstumspotenzial. 2016 betrug das Plus 8 Prozent im Jahresvergleich. Ein Wachstum, das sich in der ersten Jahreshälfte 2017 fortgesetzt hat. Der indische Markt ist unterdessen sehr wettbewerbsintensiv, mit vielen in- und ausländischen Anbietern. Momentan beobachten wir eine Zunahme importierter Produkte, weil die Kunden kosteneffektive Geräte mit zusätzlichen Ausstattungen erwarten.


Ist KION India in der Lage, an diesem Wachstum teilzuhaben?

Ja, wir sind sehr pro-aktiv unterwegs. Mit unserer vor einem Jahr gestarteten Mehrmarkenstrategie (Linde, OM Voltas, Baoli) schaffen wir Synergien und können unseren Kunden ein umfassendes Produktportfolio mit verschiedensten Lösungen anbieten. Unser großes Vertriebs- und Servicenetz mit über 100 Stützpunkten in ganz Indien stellt sicher, dass unsere Produkte und Dienstleistungen stets in der Nähe unserer Kunden sind.


Was sind die wichtigsten Treiber der Marktentwicklung?

Es wird ein Marktwachstum von durchschnittlich 9 bis 10 Prozent in den nächsten Jahren erwartet. Die Treiber dahinter sind vor allem die Zunahme der industriellen Produktion und mit ihr die Modernisierung der Logistik-Infrastruktur. Dazu kommen steigende staatliche Investitionen in die Infrastruktur. Die indische Steuerreform (siehe Hintergrund: Modis Mammutaufgaben) ist zudem ein sehr wichtiger Faktor für die Industrie, da sie die Herstellungskosten durch die Beseitigung einer Vielzahl von Steuern senkt. Dazu kommt immer knapper werdender Lagerraum und der Boom des E-Commerce.


Die Branche setzt sehr große Hoffnungen in die indische Steuer- und Landreform. Gibt es schon greifbare Veränderungen?

Da gibt es in der Tat viele Hoffnungen. Die Steuerreform ist im Juli an den Start gegangen, was von der Wirtschaft sehr positiv aufgenommen wurde. Der politische Wille aller Parteien dabei war ermutigend. Es gibt erste Anzeichen positiver Veränderungen und ich habe große Hoffnung, dass die indische Wirtschaft noch größeren Nutzen daraus ziehen wird. Die Reform des Landbesitzes wird diskutiert, und auch hier bin ich sehr hoffnungsvoll. Die Erwartung ist, dadurch Hürden für die Errichtung von wirtschaftlich genutzten Gebäuden zu beseitigen. Das wäre eine Win-Win-Situation für alle.


Vor einem Jahr ging KION India mit ihrer Mehrmarkenstrategie an den Start. Gibt es schon erste Erfolge zu vermelden?

In unserer Mehrmarkenstrategie bieten wir Produkte von Linde im Premiumsegment, OM Voltas für das Volumensegment und Baoli für den Economy-Bereich an. OM Voltas bildet dabei den Grundpfeiler unserer Strategie, während Linde und Baoli sehr von der Plattform profitiert, die KION India bietet. Durch die verstärkte Zusammenarbeit sind wir in der Lage, Chancen des Cross-sellings zu nutzen und Fixkosten zu senken. Die Kundenanfragen nach Linde Geräten haben sich durch die Zusammenarbeit beispielsweise mehr als verdoppelt, was wiederum zu höheren Bestellzahlen führt.


Ein solches Beispiel ist die Order von 44 Linde und OM Voltas Geräten eines chinesischen multinationalen Unternehmens in der Nähe von Pune. Wir haben noch einige solcher Projekte mit unseren Marken Linde, OM Voltas und Baoli in der Pipeline, was die Schlagkraft der Mehrmarkenstrategie demonstriert. Wir sind zuversichtlich, dass wir mit diesem Ansatz unseren Markterfolg auf eine neue Ebene heben werden.


Welche Entwicklungen sehen Sie im indischen Markt für Automatisierungslösungen?

Der Markt wird sich in den nächsten Jahren schrittweise in Richtung Automatisierungslösungen bewegen. Die Gründe dafür sind das Wachstum der Industrie, zunehmende Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen für Konsumenten durch steigende verfügbare Einkommen und ein zunehmender Fokus auf Effizienz und Sicherheit. Das Wachstum des Online-Handels, der Produktion von Investitionsgütern und des Logistik-Sektors in den vergangenen Jahren hat Automatisierungsprodukten und -lösungen bereits den Weg in den Markt geebnet. Smarte Lagerhäuser und weitere Automatisierungslösungen werden schrittweise folgen.


Gibt es schon greifbare Ergebnisse in Indien dadurch, dass Dematic Teil der KION Familie ist?

Die Übernahmen von Dematic verbessert die Positionierung von KION auf dem Weltmarkt erheblich, so auch in Indien. Durch die Kombination der verschiedenen Marken ist ein Komplettanbieter entstanden, der ein umfassendes Angebot an Material-Handling-Lösungen bereithält. Für Dematic gibt es großartige Chancen in Indien, vor allem durch die Plattform, die KION India bietet. Wir befinden uns gerade mitten im Prozess der Integration und werden in den nächsten Jahren ganz klar greifbare Ergebnisse sehen.


Hintergrund

Modis Mammutaufgaben

Drei Großreformen gelten als Maßstab zur Beurteilung der Amtszeit von Indiens Ministerpräsident Narendra Modi: Die Einführung einer Mehrwertsteuer für ganz Indien, eine Landreform, die Investoren Sicherheit, bietet und eine Reform des Arbeitsmarktes. Die erste hat Modi in diesem Sommer umgesetzt, an der zweiten arbeitet die Verwaltung, die dritte dürfte auf eine weitere Amtszeit verschoben werden.
Schon jetzt aber leistet einer der führenden Kritiker des Landes Abbitte: Die amerikanische Investorenlegende Jim Rogers hatte immer wieder gedrängt, Indien müsse sich so rasch ändern, wie einst China. Aber es gäbe niemanden, der dies bewerkstelligen könne, hatte der Milliardär erklärt. Mit Blick auf den Reformeifer der vergangenen Monate aber lenkt auch er nun ein: „Wenn Modi mehrere Reformen vom Format der Mehrwertsteuer gelingen, dann muss nicht nur ich, dann muss jedermann Indien viel mehr Aufmerksamkeit widmen“, sagt Rogers.