Staplerführerschein

Gabelstapeln für Anfänger

Sie haben vier Reifen und ein Lenkrad – dann enden die Gemeinsamkeiten mit dem Auto. Es sieht spielend einfach aus. Aber Gabelstaplerfahren ist harte Arbeit.

Es scheint so leicht. Ein leichter Druck aufs Gaspedal, und der Stapler rollt sanft an. Der Autofahrer-Impuls sagt: Die Kupplung sitzt links. Falsch gedacht. In der Welt der Gabelstapler ist vieles anders, und niemand merkt das schneller als jemand, der seinen Staplerführerschein macht. Zusammen mit 15 anderen bin ich an diesem Mittwoch in Aschaffenburg, dem Sitz der Linde Material Handling, für den zweitägigen Kurs am Start. Um die Bilanz vorwegzunehmen: Was spielend einfach aussieht, ist harte Arbeit.


Eine der zahlrechen Hürden: Statt eines Gas-, Brems- und eines Kupplungspedals sowie eines Schaltknaufs hat der Linde Elektrostapler ein Pedal zum Vorwärtsfahren und eins zum Rückwärtsfahren. Unter Druck fahren Anfänger gerne in die falsche Richtung; vor allem, wenn man mehrere Paletten geladen hat und gleichzeitig mit der Lenkung über die Hinterachse zurechtkommen muss.


Den ersten Seminartag füllt Theorie. Um Lastschwerpunkt-Diagramme geht es da, um Sichtprüfungen bis hin zur Mitnahme von Personen auf dem Stapler. Die Theorieprüfung am Ende ist lösbar, wenn auch hier und da mit kniffligen Stolperdrähten gespickt. Beispiel: Per Lastschwerpunkt-Diagramm ermitteln, wie viel ein Stapler laden darf.

Tag zwei, endlich Praxis. Die erste Fahrübung des Tages ist noch vergleichsweise einfach: Vor- und Rückwärtsfahren im Elektrostapler. Das geht problemlos. Die nächste Aufgabe ist schon schwieriger. „Beim Rückwärtsfahren im Kreis muss man beachten, dass Gabelstapler Hinterachslenkung haben“, warnt Fahrlehrer Ingo Geiß von der Abteilung für Health, Safety and Environment (Gesundheit, Sicherheit und Umwelt) bei Linde. „Die Fahrbewegungen unterscheiden sich deshalb erheblich von denen eines Autos.“


Dann wird es ernst. Der praktische Fahrtest. Aus Hütchen und Gitterboxen baut Ingo Geiß den Prüfungsparcours mit einigen Schikanen auf – inklusive engen Kurven und dem Auf- und Abladen von Last. Der Anblick löst nervöses Kribbeln im Bauch aus. Irgendwann komme ich an die Reihe. Ich versuche, ruhig zu bleiben, mir viel Zeit zu nehmen. Einsteigen, Tür schließen, Anschnallen, „Motor“ anlassen, Hubgerüst gerade stellen und Lastzinken einen Tick anheben: Die ersten Handgriffe sind kein Problem.


Schließlich die Königsdisziplin: Last aufnehmen, Wenden, Hütchen umkurven, Last abladen, wieder Hütchen umkurven, Last aufnehmen. Nach ein paar Minuten ist die Aufregung im Griff, es läuft gut, aber gefühlt dauert alles eine Ewigkeit. Dann ist es vollbracht, Stapler parken, Hubgerüst absenken, Zinken nach unten neigen, Motor abstellen. Die Prüfung ist bestanden.


Nicht wenige waren mit Vorkenntnissen zur Prüfung gekommen. „Die große Mehrheit der Kursteilnehmer arbeitet jeden Tag mit Gabelstaplern und hat deshalb natürlich ein ganz anderes Vorwissen als die Teilnehmer, die sich bei der Schulung zum ersten Mal genauer mit einem Stapler beschäftigen“, sagt Ingo Geiß. Rabea Stein hatte wie ich zuvor noch keine Erfahrung sammeln können. Umso wertvoller war der Kurs: „Während meiner Arbeit präsentiere ich Kunden hin und wieder unsere Schwerlaststapler“, berichtet die junge Frau, die als Commercial Support Manager bei Linde MH arbeitet. „Heute lerne ich endlich, wie man Stapler fährt. Das hilft mir enorm“, freut sie sich. Sie besteht die Prüfung - wie alle anderen auch.



Vanessa Kraus ist seit August 2013 Volontärin in der Kommunikationsabteilung der KION Group am Hauptsitz in Wiesbaden.