Drohnen

Die Drohne macht Inventur

Automatische Inventur per Drohne: Das ist möglich, hatte bislang aber Schwächen. Die KION Group könnte diese Probleme lösen – eine wichtige Rolle spielt dabei ein Stapler.

2017-06-06

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Inventur im Lager ist meist eine ziemlich aufwendige Sache: Sie benötigt Personal und Zeit. Nicht selten stört das Zählen von Hand sogar den Betriebsablauf und erhöht das Risiko von Unfällen oder beschädigter Ware. Hinzu kommt: Egal, wie gewissenhaft man es anstellt, Fehler lassen sich kaum völlig vermeiden. „Sobald der Mensch ins Spiel kommt, besteht immer die Gefahr, dass etwas nicht dokumentiert wird“, sagt Tobias Zierhut, Head of Product Management Warehouse Trucks bei Linde Material Handling. Und er weiß auch: Nach Berechnungen von Experten wenden Deutschlands Betriebe bis zu acht Prozent ihres Lagerwerts für die Inventur auf.


Wie praktisch und effizient wäre es also, wenn dieser Prozess automatisiert werden könnte. Das brachte die Spezialisten der KION Group auf Ideen. Zierhut: „Wir haben uns bei Linde gezielt überlegt: Welche Synergien gibt es, die wir dem Kunden zusätzlich zur Robotik liefern können?“ Einer der Einfälle lautete: Warum nicht eine automatisierte Inventur – zum Beispiel über eine Drohne?


Tobias Zierhut

Head of Product Management Warehouse Trucks

bei Linde Material Handling.


Ortung und Akkuladung – kein Problem mehr

Von Inventurdrohnen gibt es bereits das eine oder andere Modell auf dem Markt, allerdings haben sie alle noch ihre Schwächen. Etwa reichen ihre Batterieladungen oft nur eine Viertelstunde, höchstens eine halbe Stunde. Und häufig müssen die Drohnen manuell gesteuert werden. Alle diesen Herausforderungen konnte das Team von Linde robotics mit einem ganz grundsätzlichen Einfall begegnen: Die Flybox, der von Linde und Balyo gemeinsam entwickelte Prototyp, ist direkt mit einem automatisierten Linde Stapler verbunden. „Ein Standard-Fahrzeug“, betont Zierhut. „Sobald der Kunde ein zusätzliches Fahrzeug kaufen müsste, wäre es deutlich uninteressanter für ihn.“ So hingegen kann des Linde robotics Fahrzeug auf verschiedene Art und Weise genutzt werden, zum Beispiel indem er tagsüber Paletten fährt und nachts die Drohne trägt. Weil diese über ein stabiles, abrissfestes Kevlarkabel an das Fahrzeug angeschlossen ist, stellt die Akkuleistung kein Problem mehr dar.


Mehr noch: Durch die Verbindung mit dem Linde robotics Fahrzeug ist die Drohne unter dem Hallendach ohne GPS-Empfang lokalisierbar, und damit auch tatsächlich selbständig. Durch die Geonavigation des Staplers weiß das System stets genau, wo sich die Drohne befindet: Das Fahrzeug sendet die Flächenkoordinate, die Flughöhe ermittelt ein in der Drohne eingebauter Höhensensor. „Das geht millimetergenau“, sagt Zierhut. In der Realität sieht das dann folgendermaßen aus: Die Drohne von der Größe eines kleinen Aktenkoffers startet surrend mit ihren sechs Rotoren vom Stapler. Dann fliegt sie langsam senkrecht vor einem Regal nach oben, schießt von jedem Palettenstellplatz ein Foto und erfasst mit dem Scanner die Barcodes der gelagerten Waren. Ist sie an der obersten Regalebene angekommen, befiehlt sie dem Stapler, gemeinsam mit ihr zur nächsten Position zu fahren. Per Anwendungssoftware lassen sich so jederzeit am Bildschirm Fotos und Barcodes auswerten oder automatisiert ins Lagerverwaltungsprogramm übertragen.


Großes Interesse am Prototypen

In einer nicht allzu fernen Zukunft könnte dann also tatsächlich die Drohne die Inventur übernehmen. Zumindest was die Zählung, Kategorisierung und den Fotoabgleich von außen angeht. In die Pakete und Kisten hineinschauen kann die Drohne allerdings noch nicht. Noch ist die Flybox ohnehin nur ein Prototyp, mit dem getestet werden soll, ob es ein Interesse an dieser Innovation gibt. „Das Interesse war sehr groß“, sagt Zierhut, der die Drohne unter anderem auf der Intralogistik-Fachmesse LogiMat der Öffentlichkeit präsentierte. „Sie war einer unserer Messe-Höhepunkte; wir hatten sehr viele Anfragen.“ In einem nächsten Schritt wird es jetzt darum gehen, die Entwicklungskosten detailliert zu kalkulieren und konkret zu planen: Wie genau könnte eine finale Version aussehen? „Ein wichtiger Faktor würde dann sicherlich die Korrelation zwischen Gewicht und Flugfähigkeit werden“, sagt Zierhut. Je schwerer das Gerät, desto mehr Energie benötigt die Drohne zum Fliegen.


In jedem Fall ist er davon überzeugt, dass die KION Group in diesem Bereich dank des Know-hows von Linde robotics die Nase vorn hat. „In den bei den Kunden fahrenden automatisierten Staplern sind ja bereits die Route und die Karte des Lagers im System gespeichert“, führt er aus. „Um eine Inventur abzufahren, könnte die dafür notwendige Streckenprogrammierung also auf einer Standard-Aufgabe aufbauen.“ Mit einer Markteinführung sei ab frühestens 2018 zu rechnen.