Industrie 4.0 und die Ausbildung der Zukunft

"Bessere Arbeitsplätze entstehen“

Wie verändert „Industrie 4.0“ die Ausbildung der Zukunft? Dr. Jörg Friedrich, Bildungsexperte beim VDMA, sieht einen Trend zur engeren Verzahnung der Berufe.

2015-10-23

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Die große philosophische Frage gleich vorweg: Bedeutet die fortschreitende Digitalisierung, dass irgendwann die Maschinen die Menschen ersetzen?

Interessanterweise hatten wir die gleiche Diskussion vor 20 Jahren, als der PC eingeführt wurde, und heute haben wir nahezu Vollbeschäftigung. Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt sicherlich verändern, in einigen Unternehmen werden bestimmte Aufgaben wegfallen. Aber durch die neue Analyse der Daten werden auch ganz neue Arbeitsfelder entstehen. „Industrie 4.0“ ist zunächst einmal die Chance, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu bewahren und Wachstum zu generieren.


Der Arbeitsplatz in der Zukunft ändert sich …

Ja, aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass zukünftig bessere Arbeitsplätze entstehen. Viele werden weniger monoton sein und auch weniger gesundheitsschädlich, weil uns Roboter noch mehr physische Arbeit abnehmen. Dazu brauchen wir heute nicht mal mehr Zäune, sondern treten direkt miteinander in Kontakt. Nehmen Sie ein Beispiel, zu dem die KION Group direkt beiträgt: wenn künftig Fahrzeuge wie der Hubwagen ferngesteuert werden und Lagerarbeiter weniger schwere Arbeiten übernehmen müssen. Es wird auch ein anderes Arbeiten werden, weil der Einzelne mehr Verantwortung übernimmt. Für viele nicht unwichtig: Wie erfüllend ist meine Arbeit? Ich denke wirklich, dass Arbeitsplätze attraktiver werden.


Müssen wir damit auch die Studiengänge verändern?

Das ist seit Langem die zentrale Frage. Wir haben schon heute rund 380 anerkannte Berufe in Deutschland und unzählige Studiengänge. Ja, vermutlich werden noch zusätzlich Studiengänge entstehen, schlicht weil sich Hochschulen darüber auch profilieren können. Aber das ist gar nicht der entscheidende Punkt. Viel wichtiger ist doch, welche Kompetenzen für die Arbeit der Zukunft gefragt sind und wie wir die vermitteln.


Sie meinen Kompetenzen im Bereich Informationstechnologie und Computer?

Zum Beispiel. In den Maschinenbau wird auf jeden Fall mehr IT Einzug halten. Und auf die IT-Ausbildung wiederum könnte eine Spezialisierung zukommen: Wenn ich Software für ganz bestimmte Industrien programmieren möchte, brauche ich dafür ein bestimmtes Know-how. Im Gegenzug muss der Maschinenbau in der Lage sein, mit den Programmierern zu reden, sodass sie sich gegenseitig verstehen. Man muss nicht selbst programmieren können, aber sie müssen kommunizieren können.


Dr. Jörg Friedrich

Seit März 2013 leitet Jörg Friedrich die neu gegründete Abteilung Bildung beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) in Frankfurt am Main. Dort beschäftigt er sich vor allem mit Fragen der Hochschulpolitik, der beruflichen und schulischen Bildung sowie der Nachwuchsgewinnung für den Maschinen- und Anlagenbau. Der studierte Forstwissenschaftler arbeitete davor zehn Jahre bei der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände und leitete dort die Landesarbeitsgemeinschaft
SCHULEWIRTSCHAFT.


Aber dafür braucht man nicht zwangsläufig einen neuen Studiengang.

Nein, es bedeutet zunächst vor allem, dass wir uns überlegen müssen, wie man diese beiden Welten in der Ausbildung stärker verknüpft. Nebenbei: Viele Studiengänge entwickeln sich schon seit Jahrzehnten ständig weiter. Aus dem Zerspanungsmechaniker wurde der Mechatroniker. Wir wären nicht Weltmarktführer, wenn wir das nicht hinbekommen hätten. Und wir haben schon jetzt in den Ingenieurstudiengängen ein enges Verhältnis zur Praxis. Die große Herausforderung in Verbindung mit Industrie 4.0 wird sein: Wie stelle ich sicher, dass jemand den Überblick hat von der Entwicklung bis zur Auslieferung? Da entstehen dann tatsächlich neue, hybride Berufsbilder, die in Schnittstellen angesiedelt sind: der Produktionstechnologe zum Beispiel, der zwischen Entwicklung und Produktion koordiniert oder als Prozessexperte von der Konzeption bis zur Produktion die prozesstechnischen Aufgaben mit plant.


Wie stark muss sich dadurch die Lehre verändern?

Nun, es gibt ja durch die duale Ausbildung bereits jetzt einen Rücktransfer an die Berufsschulen. Das halte ich auch für unser Alleinstellungsmerkmal weltweit – diese unglaublich gute Praxisverschränkung. Das ist für beide Seiten fruchtbar. Was aber richtig ist: Die Berufsschule wird damit umgehen müssen, dass alles künftig immer schneller passiert. Und dieselbe Frage stellt sich auch den Unternehmen: Wie bilde ich denn meine Mitarbeiter fortlaufend weiter? Wir reden ja nicht nur von den neu eingestellten, sondern auch vom großen Rest der langjährigen Mitarbeiter. Auch die müssen weitergebildet werden.


Jeder wird sich künftig mehr Wissen aneignen müssen?

Reines Wissenspauken ist ja eigentlich überholt, wir wissen, das ist nicht nachhaltig, und außerdem hat die Menge an Wissen so zugenommen, dass wir gar nicht alles lernen können. Also muss die Ausbildung das Rüstzeug schaffen, selbst zu lernen. Wir brauchen künftig mehr Menschen, die in der Lage sind, Informationen zu beschaffen und Probleme zu lösen. Die technische Entwicklung betrifft nicht nur die Produktion, sondern auch das gesellschaftliche Leben. In alle Bereiche unseres Lebens hält eine immer schnellere technologische Entwicklung Einzug.


Muss dann auch jeder IT beherrschen?

Gerade junge Leute bringen heute eine gewisse Kompetenz ohnehin schon mit. Es wird trotzdem jene geben, die lieber Maschinen bauen und nicht programmieren wollen. Da sehe ich auch kein Problem. Entscheidend ist eben, dass beide Seiten miteinander reden können. Früher hat man in der Produktion sehr abgetrennte Bereiche gehabt, da arbeitete jeder ein bisschen für sich. Heute ist man permanent im Austausch. Dazu muss man sprechfähig sein. Und: Jeder muss permanent für denjenigen mitdenken, der in der Daten- und Prozesskette vor und hinter einem ist. In der Anwendung selbst wird vieles einfacher, weil man Knöpfe drücken kann. Aber die Übersicht zu behalten, das wird komplexer.