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Vorteile und Nachteile von aktiven und passiven Assistenzsystemen

Soll ein Sicherheits-Assistenzsystem aktiv ins Fahrgeschehen eingreifen, um Unfälle zu vermeiden? Oder reicht eine Warnung völlig aus? Diese Fragen haben wir unseren KION Experten gestellt – und dabei auch etwas über den Alarmmüdigkeitseffekt gelernt.

2026-01-28

Johanna Werner

Bei der Konfiguration eines neuen Gabelstaplers, Kommissioniergeräts oder Schmalgangfahrzeugs können Intralogistiker heute schier unzählige Optionen für intelligente Assistenzsysteme auswählen, die das Arbeiten mit dem jeweiligen Fahrzeug sicherer machen sollen. Bei unserem Tochterunternehmen Linde Material Handling gibt es zum Beispiel den Linde Speed Assist (passt die Höchstgeschwindigkeit des Fahrzeugs automatisch an die Umgebung an), den Linde Reverse Assist Radar (erkennt bewegliche und statische Objekte im rückwärtigen Raum) oder Linde Dynamic Mast Control (verhindert Schwingungen am Mast) und viele mehr.

Warnen oder Eingreifen

Ganz grob lassen sich diese Assistenzsysteme in zwei Kategorien einteilen:

  • Passive Systeme: Dabei handelt es sich um Technologien, die den Fahrer durch optische (z.B. auffälliges Blinken in grellen Farben) oder akustische Signale (z.B. lauter Piepston) vor Gefahren warnt.
  • Aktive Systeme: Bei diesen Assistenzsystemen greift die Technologie selbstständig ein, um Risiken zu mindern – z.B. indem die Geschwindigkeit gedrosselt wird oder das Fahrzeug sogar abrupt stehen bleibt.

Manche Systeme sind in ihrer Funktion sowohl aktiv als auch passiv einstellbar. Ein Beispiel dafür ist die Linde Reverse Assist Camera, die beim Stapler kontinuierlich den Rückraum überwacht. Hat die Kamera eine Person im kritischen Bereich erkannt, wird der Fahrer in der passiv eingestellten Version per Ton und Fahrzeugmonitor gewarnt. In der aktiv eingestellten Version sorgt das System dafür, dass das Fahrzeug abgebremst wird – ohne dass der Fahrer extra eingreifen muss.

Smartes Licht statt schriller Töne

Für Tobias Klein, Senior Strategy and Portfolio Manager Safety & Digital Solutions bei Linde Material Handling, ist klar: Warnungen müssen dosiert und gezielt sein: „Wenn ständig irgendwo ein Alarm blinkt oder piept, ignorieren die Kollegen das irgendwann.“ Um diesen sogenannten Alarmmüdigkeitseffekt zu vermeiden, setze man bei Linde MH statt auf schrille Töne lieber auf intelligente Warnsignale.

Einfachstes Beispiel dafür ist der Linde Blue Spot. Dabei handelt es sich um eine am Gabelstapler befestigte Leuchte, die einen Lichtpunkt auf den Boden vor dem Fahrzeug projiziert – und zwar immer dort, wohin der Stapler gerade fährt. „Das funktioniert sehr effektiv“, weiß Tobias Klein: „Fußgänger erkennen das herannahende Fahrzeug rechtzeitig und können ausweichen – und niemand ist genervt.“

Die Kontrolle behalten

Ein Vorteil passiver Warnsysteme besteht darin, dass der Mensch die Kontrolle behält. Gut ausgebildete Fahrer können auf Warnungen angemessen reagieren und selbst entscheiden, wie sie handeln. Tobias Klein: „Unsere erfahrenen Fahrer schätzen es, dass die Systeme ihnen Informationen geben, sie aber nicht bevormunden.“

Allerdings gilt: Reagiert der Fahrer nicht angemessen oder übersieht eine Warnung, passiert trotz aller Assistenzsysteme ein Unfall. Ein passives System kann eben nur informieren – das Eingreifen bleibt dem Menschen überlassen. „Ein einziger Moment der Unaufmerksamkeit kann genügen“, weiß Tobias Klein aus Erfahrung.

Technologie als Schutzengel

Immer häufiger wird daher auf aktive Systeme gesetzt. Klein nennt sie „elektronische Schutzengel“ oder „intelligente Beifahrer“, die im Lageralltag nicht nur Personen schützen, sondern auch Waren, Regale und Fahrzeuge vor Schaden bewahren. Natürlich sind solche aktiven Eingriffe aber auf Dauer nur dann willkommen, wenn sie zielgenau und verlässlich erfolgen. „Ein Assistenzsystem darf nicht zum ‚Besserwisser‘ werden, das den Fahrer bei jeder Kleinigkeit ausbremst“, warnt David Krecman, Senior Manager HSE (Health Safety Environment) bei der KION Group. Wenn die Technik zu oft ohne echten Anlass bremst oder stoppt, könne dies beim Bediener zu Frust führen.

Nur, wenn’s nötig ist

Moderne Systeme warnen daher nicht mehr pauschal, sondern auf intelligente Art und Weise. Die Geschwindigkeitsfunktion beim Linde Safety Guard zum Beispiel kann so eingestellt werden, dass das Tempo nur in bestimmten Gefahrenzonen gedrosselt wird. Außerhalb dieser Bereiche können die Fahrer so schnell fahren, wie sie es selbst für richtig halten.

Die Entwickler bei Linde MH achten außerdem auf feinjustierte Sensorik – und geben den Bedienern in einigen Fällen eine Überschreibmöglichkeit. Ein Beispiel: Das Linde Object Warning System für Schmalgangstapler bremst den Stapler bei Hindernissen zwar automatisch ab, erlaubt dem Fahrer aber per Knopfdruck kurzzeitig weiterzufahren, falls die Situation es zulässt. So soll ein sinnvolles Mittelmaß gefunden werden – das System greift nur ein, wenn es wirklich nötig ist, und der Fahrer behält trotzdem ein Gefühl von Kontrolle.

Das richtige Gleichgewicht

Beim Abwägen zwischen aktiven und passiven Assistenzsystemen gibt es also kein einfaches Entweder-oder. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung. Um maximale Sicherheit zu erreichen, kommt es auf das richtige Gleichgewicht zwischen menschlicher Kontrolle und technischer Unterstützung an. Entscheidend ist es, die richtige Balance zu finden: Ein System sollte so aktiv wie nötig, aber so passiv wie möglich sein. „Am Ende des Tages zählt, dass alle gesund nach Hause kommen“, resümiert Tobias Klein: „Dafür nutzen wir jede sinnvolle Maßnahme – ob warnend oder eingreifend.“

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen aktiven und passiven Assistenzsystemen?

Passive Assistenzsysteme warnen Fahrer und Fußgänger vor Gefahren, etwa durch Licht- oder Tonsignale. Aktive Systeme greifen selbstständig ins Fahrgeschehen ein, zum Beispiel durch Geschwindigkeitsreduzierung oder automatisches Abbremsen.

Was versteht man unter aktiven Assistenzsystemen?

Aktive Assistenzsysteme greifen automatisch ein, um Gefahren zu reduzieren. Sie können zum Beispiel die Geschwindigkeit drosseln oder ein Fahrzeug stoppen, wenn eine Kollision droht.

Wie vermeiden moderne Assistenzsysteme Alarmmüdigkeit?

Moderne Systeme setzen auf gezielte, intelligente Warnsignale, etwa durch Lichtprojektionen wie dem Linde Blue Spot, die intuitiv wahrgenommen werden und nicht stören.