2020-08-11

Ein zweites Leben

Alten Gabelstaplern sieht man ihre Jahre im harten Einsatz für die Kunden oft an. Aber es steckt noch jede Menge in ihnen. KION Tochter Linde MH EMEA hat deshalb das Aufbereitungszentrum für gebrauchte Flurförderzeuge in Tschechien erweitert. Die Mission: Den betagten Geräten neues Leben einzuhauchen. Und auch bei STILL EMEA leisten mehrere Aufbereitungszentren einen Beitrag zur Nachhaltigkeitspolitik des Gesamtkonzerns.

Wie ein Astronaut sieht er aus, der Mann im Schutzanzug, der die wuchtigen Metallteile stahlstrahlt. Die kleinen, nicht einmal nadelkopfgroßen Metallkügelchen schießen durch die Luft und machen die Arbeit nur in einem solchen Anzug möglich. Die Luft im Schutzraum ist warm, staubig und eisenhaltig. Nach nicht einmal zehn Minuten ist der Arbeiter fertig und tritt heraus. Am Chassis des Linde H30 Staplers ist keine Spur mehr von Dreck, Rost oder dem roten Farbabstrich. Er ist nackt – silberfarben. Alles ist nun klar für die nächsten Arbeitsschritte.

Josef Slimáček ist der Werksleiter des im Herbst 2017 eröffneten Aufbereitungswerks für Gebrauchtstapler von Linde Material Handling im südtschechischen Velké Bílovice, nicht weit von der Grenze zu Österreich und zur Slowakei entfernt. Er hat seinem Kollegen im Schutzraum durch ein kleines Fenster zugesehen. „Gebrauchte Stapler gehören noch nicht zum alten Eisen“, sagt er bestimmt. „70 Kolleginnen und Kollegen arbeiten in zwei Schichten daran, Kandidaten wie diesen hier fit zu machen für ein zweites Leben. Wir haben gerade unser Aufbereitungszentrum von 4.400 Quadratmeter auf 6.700 Quadratmeter vergrößert. Jährlich können wir nun bis zu 2.000 Geräte im Jahr aufbereiten – das sind 48 Prozent mehr als bisher.“

Fast alle Stapler, die in Velké Bílovice wiederaufbereitet werden, sind Rückläufer der Linde eigenen Lang- und Kurzzeitmietflotte. Eben noch war dieser Linde H30 Stapler im benachbarten Österreich im Einsatz. In Wien half er bei einem Getränkehersteller, Paletten mit Getränkekisten auf die Lkw zu laden. Die Gebrauchsspuren sah man deutlich: etliche Beulen, abgefahrene Reifen, verrostete Nuten und abgeschrammter Lack. In Tschechien wurde der Wiener Stapler nun in Empfang genommen. „Danach folgte die Inspektion von speziell geschulten Fachkräften“, erläutert Slimáček. „Wir haben geklärt, welche Schwachstellen das Gerät hatte, in welchem Zustand Motor und Batterie waren, welche Ersatzteile wir bestellen mussten. Wir verwenden nur langlebige Linde Original-Ersatzteile.“ Nach einer gründlichen Reinigung nahmen zwei Arbeiter den Stapler schließlich auseinander. Wie bei einem umgekehrten Puzzle haben sie innerhalb einer halben Stunde alle Bauteile voneinander getrennt: Fahrersitz, Auspuffrohr, Frontscheibe, Lampen, Gabelzinken.…

Metallteile wurden ausgebeult, geschweißt – und gestahlstrahlt. Und wieder schlüpft ein Arbeiter in seinen wie ein Weltraumanzug anmutenden Overall. Dieses Mal, um dem Chassis eine neue Lackierung zu verpassen. Danach werden alle Bauteile wieder zusammengefügt, gefolgt von einer letzten Inspektion. Das Anbringen eines neuen, strahlendweißen Linde Logos ist am Ende das i-Tüpfelchen. Dann erstrahlt der Stapler in neuem Glanz und ist fertig, um auf dem Endkundenmarkt für Gebrauchtgeräte in Mittel- und Osteuropa angeboten werden zu können.

Beitrag zu KIONs Nachhaltigkeitspolitik in Europa

Dass die Fahrzeuge durch die Aufarbeitung ein „zweites Staplerleben“ erhalten, ist ein wichtiger Faktor im Nachhaltigkeitsbestreben der KION Group. Zum einen wird die Gesamtmenge der benötigten Energie und der Rohstoffe erheblich reduziert. Zum anderen vermeidet die Aufbereitung gebrauchter Stapler Abfall. Das Aufbereitungswerk in Tschechien ist eines von neun in Europa. Fünf weitere befinden sich in Frankreich, je ein weiteres in Schweden, Spanien und Italien. Zusammen werden im Jahr 2020 voraussichtlich über 4.000 Gebrauchtstapler aufbereitet – allein von Linde.

Auch bei KIONs zweiter Premiummarke, STILL, bieten sich Stapler, Hubwagen und Lagertechnikgeräte, die nach kurz- oder langfristiger Vermietung wieder in das Unternehmen zurückkehren, für die Aufbereitung an. Wie bei Linde, werden sie von spezialisierten Servicetechnikern im Vorfeld eingehend geprüft, sorgfältig mit STILL Originalteilen aufgearbeitet und anschließend nach einem europaweit einheitlichen System klassifiziert, bevor sie das Hamburger Unternehmen über das eigene Direktvertriebssystem wieder vermarktet.

Bei STILL ist nachhaltiges Handeln seit jeher ein fester Bestandteil des Leistungsversprechens. Bereits seit 2007 bereitet die Landesgesellschaft STILL Polen gebrauchte Geräte auf. Seit 2011 betreibt STILL in Mrowino bei Poznań ein eigenes europäisches Aufarbeitungszentrum für Gebrauchtgeräte. Auf einer Fläche von 2.500 Quadratmetern können hier pro Jahr rund 2.000 Flurförderzeuge runderneuert werden.

Ähnlich lang existiert ein Zentrum zur Aufarbeitung der Gebrauchtfahrzeuge in Deutschland; 2008 wurde es in Stuhr bei Bremen errichtet. Die Fläche des Standortes hat sich mit 26.000 Quadratmetern mittlerweile mehr als verdoppelt; auf etwa 7.000 Quadratmetern findet die eigentliche Aufarbeitung statt, der Rest ist Lager und Logistikfläche. Rund 45 Mitarbeiter überarbeiten jedes Jahr bis zu 1.000 Geräte optisch und technisch. Im Jahr 2015 brachte STILL im französischen Lisses ein weiteres Aufarbeitungszentrum an den Start, Anfang 2017 wurde das neue Aufbereitungszentrum in Lainate eingeweiht. Das Werk erstreckt sich über eine Fläche von 7.000 Quadratmetern, wovon die eine Hälfte für die Werkstatt und die andere Hälfte für das Gabelstaplerlager vorgesehen ist.

Hohe Nachfrage nach Gebrauchtgeräten

Der Markt für aufgearbeitete Fahrzeuge hat sich inzwischen zu einem Wirtschaftszweig von erheblicher Bedeutung entwickelt. Immer mehr Kunden haben erkannt, dass es nicht zwangsläufig ein neues Gerät sein muss, weil ein guter Gebrauchter die zu bewältigende Aufgabe ebenso lösen kann. Oder aber auch, weil sie sich – etwa in der derzeitigen Corona-Krise – keinen neuen leisten können oder wollen. Die Vorteile von Gebrauchten liegen dabei auf der Hand: Die aufbereiteten Fahrzeuge garantieren ein hohes Maß an Qualität, der Preisvorteil des gebrauchten gegenüber einem neuen Gerät ist unbestreitbar und das Fahrzeug ist sofort verfügbar.

Die Nachfrage nach Gebrauchtgeräten ist in ganz Europa in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. „Mittlerweile kommt durchschnittlich auf jedes zweite verkaufte Neugerät ein Gebrauchtfahrzeug“, sagt Christof Samson, Leiter des Bereichs Miet- und Gebrauchtgeräte bei STILL. „Wir erhalten jedes Jahr weltweit Zehntausende Finanzierungsrückläufer sowie noch recht junge Geräte aus der Vermietung zurück, die sich ebenfalls für eine Aufarbeitung anbieten und die wir dem Zweitmarkt erneut zur Verfügung stellen können. Nach der Werkstattüberholung unserer Gebrauchtstapler sind die Fahrzeuge bis auf den Betriebsstundenstand weder optisch noch technisch von einem Neugerät zu unterscheiden.“

Nächster Schritt: Werkserweiterung und Industrialisierung in Velké Bílovice

Da die Nachfrage nach gebrauchten Staplern hoch ist, wundert es nicht, dass STILL einige seiner Aufbereitungszentren im Laufe der Zeit erweitert hat. 2018 etwa hat das Aufbereitungszentrum in Lainate eine neue Lackieranlage und ein Kompetenzzentrum für die Regenerierung von Altbatterien erhalten. Auch am Linde Werk in Tschechien ist ein zweiter Ausbau vorgesehen: Bis 2022 soll es in Velké Bílovice einen weiteren Anbau geben, dann können auf einer Gesamtfläche von nunmehr 14.800 Quadratmetern mehr als 5.000 Stapler jährlich aufbereitet werden. Das Besondere dieser Erweiterung: Künftig soll es nicht mehr einzelne Werkstätten geben, in denen die verschiedenen Geräte nebeneinander generalüberholt werden. Stattdessen soll es Fertigungsstraßen gaben. Die Geräte durchlaufen dann die verschiedenen Stationen von der Demontage über die Reparatur, das Lackieren bis hin zur Montage durchlaufen. Viele Vorgänge werden dabei industrialisiert, so können mehr Geräte noch schneller und günstiger runderneuert werden. Zudem werden mehr Mitarbeiter auf die einzelnen Bereiche spezialisiert sein. Dann wird im Werk eine ganze Mannschaft von Astronauten zu sehen sein.

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