2018-03-21

Vorsicht, zerbrechlich!

In der Getränkeindustrie müssen besonders hohe Lasten möglichst effizient und sicher bewegt werden. Blick auf eine Branche zwischen Mikrobrauereien und Mehrpalettenklammern – Teil 4 unserer Branchenreport-Serie.

Paletten unfallfrei zu bewegen ist in jeder Branche das Ziel. In kaum einem Bereich aber ist das umsichtige Stapeln so entscheidend wie in der Getränkeindustrie. Denn die transportierten Güter sind fragil. In dieser Hinsicht ist die Branche durchaus erfahren, schaut aber gleichzeitig interessiert auf jede Neuerung. „In den letzten Jahren hat der Anspruch an Sicherheitskonzepte noch einmal zugenommen“, sagt Jordi Monlleó Llurba, Leiter Planung, Projekte und Innovation bei Alfil Logistics, einem spanischen Logistikunternehmen, das sich auf die Getränkeindustrie spezialisiert hat. „Sicherheitsfeatures wie Warnleuchten müssen daher aus unserer Sicht als integrale Bestandteile der Fahrzeuge gedacht werden, nicht nur als Zusatzausstattung“, sagt Monlleó.


Umschlag und Zeitdruck nehmen zu

Wie manch andere Branche auch hat die Getränkeindustrie in den vergangenen Jahren eine Umwälzung in Sachen Effizienz erlebt. In Zeiten von E-Commerce und den Entwicklungen im Einzelhandel verlangen Kunden und Händler immer schnellere Lieferungen. Präzision und Feingefühl gehen Hand in Hand mit dem Bedürfnis nach möglichst zügiger Abwicklung. Eine Gemengelage, in der zum Beispiel präzise zu steuernde hydrostatische Antriebe ihre Vorteile ausspielen können: Stufenloses Beschleunigen und Bremsen bietet in diesem Umfeld einen echten Mehrwert. Dasselbe gilt für Assistenzsysteme.


„Wir wissen, dass insbesondere Branchengrößen wie InBev und Coca-Cola sehr stark auf Sicherheit bedacht und bereit sind, in Innovationen zu investieren“, sagt Hannes Schöbel, Global Lead Key Account Manager bei Linde Material Handling. Während Umschlag und Zeitdruck zunehmen, hat sich gleichzeitig auch die Artikelvielfalt deutlich vergrößert. Noch vor ein paar Jahren war es nicht ungewöhnlich, dass in den Lagerhäusern identische Getränkekisten bis in die zehnte Reihe gestapelt wurden. Das machte sowohl die Kommissionierung als auch das Beladen vergleichsweise einfach. Heute hingegen muss eine bestimmte Kiste erreicht werden, die hinter einer anderen Kiste steht. Weil die Getränkeindustrie eine Lebensmittelbranche ist, gelten zudem für bestimmte Getränke Verfallsdaten. Die Herausforderung besteht auch darin, die Artikel in der richtigen Reihenfolge möglichst frisch zum Kunden zu liefern. Damit steigt die Anforderung, immer kleinere und spezialisiertere Bestellungen möglichst effizient auf Mischpaletten zu transportieren.


Mikrobrauereien und Massenproduktion

Allerdings ist die Branche selbst so heterogen, dass es keine dominierenden Trends gibt – meist wird jede Entwicklung gleichzeitig auch von einem gegenläufigen Trend begleitet. Während „Individualisierung“ ein unbestreitbares Phänomen ist, sichtbar zum Beispiel am Siegeszug von Mikrobrauereien, Craft-Beer, Saisonalgetränken und ständig neuen Variationen bekannter Marken, ist gleichzeitig in anderen Bereichen eine noch stärkere Tendenz zur Massenproduktion erkennbar, unterstützt durch neue Formen der automatisierten Produktion. Zudem stellt die Verpackungsindustrie die Wiedergeburt der Halbliterflasche fest, vor allem befeuert durch eine neue „To-Go“-Kultur. Im Vergleich zur Literflasche bedeutet das nichts anderes als eine Verdopplung der Artikel. Gleiches Bild auch im Warenlager der Getränkeproduzenten, Händler und Logistiker: Einerseits werden die Paletten schmaler – für individuell kommissionierte Bestellungen und auch als Folge immer enger bestückter Regallager – andererseits sind auch übergroße Paletten stark vertreten, weil sie die Effizienz deutlich erhöhen.


Das ist eine weitere Besonderheit der Branche: Üblich sind pro Charge besonders hohe Lasten, zum Beispiel mit Hilfe von Mehrfachpalettenklammern. Die Folge sind hochbepackte Paletten oder Getränkekisten. „Die meisten Getränkefirmen setzen auf 4,5- bis 5-Tonnen-Stapler, die wiederum mit Doppelklammern oder sogar Vierfachklammern für die Paletten ausgestattet sind“, sagt Schöbel.


Lagerhallen wachsen in die Höhe

Wenn ein Getränkeproduzent oder -logistiker früher seine Lagerhallen vergrößerte, geschah dies meist in die Breite. In jüngster Zeit sorgen steigende Mietpreise in Europa und Amerika bei zahlreichen Unternehmen dafür, dass die Hallen in die Höhe wachsen. Die Branche steht also vor der Herausforderung, schwere Lasten aus noch höherer Position komfortabel, effizient und sicher zu bewegen. Auch hier sind Fahrzeuge gefragt, die über Assistenzsysteme und komfortable Steuerung verfügen.


Für Logistiker wie Alfil bedeutet all das unter anderem einen stärkeren Wunsch nach flexiblen Mietflotten, die je nach Bedarf auf Peaks oder spezielle Anforderungen reagieren können. „Die Getränkeindustrie steht unter Kostendruck“, beschreibt Monlleó. Das schlage sich auch auf die Logistik nieder: „Unsere Aufträge werden strikt nach der Zahl der Paletten berechnet.“ Die Suche nach größerer Effizienz bei immer höherer Umschlagleistung bedeutet auch, dass sich die Branche verstärkt mit automatischen oder halbautomatischen Logistiklösungen befasst. Auch Lagerverwaltungssyteme sind ein heiß diskutiertes Thema, weil sich Lieferketten verändern: Durch Trends wie E-Commerce oder Direktabholung ergibt sich plötzlich sowohl die Möglichkeit als auch die Notwendigkeit, direkt an den Endkunden zu liefern.


Einsparpotenzial beim Antrieb

Auch die Nachfrage nach automatisierten Fahrzeugen (AGV) steigt. Das Branchenportal bevindustry.com hebt in einem kürzlich erschienenen Artikel die Flexibilität und Sicherheit der neuen Generation an AGVs hervor, die im Gegensatz zu früher mit einer Vielzahl an Assistenzsystemen ausgestattet sind, aber keine aufwändig installierte Infrastruktur mehr zur Orientierung brauchen – Merkmale, die vor allem für die Getränkeindustrie besonders attraktiv sind. Effizienzsteigerung verspricht sich die Branche auch bei der Antriebstechnologie. Tatsächlich ist der Verbrenner in der Getränkeindustrie noch vergleichsweise stark vertreten. „Wir sehen aber auch hier den Trend zum Elektrostapler“, sagt Schöbel.


Er sieht die Gründe dafür einerseits beim Endverbraucher: „Nachhaltigkeit spielt beim Image eine große Rolle.“ Andererseits gehe es auch um finanzielle Überlegungen: Mit Innovationen wie der Lithium-Ionen-Batterie, die schnelles Zwischenladen erlaubt, ist langfristig ein höherer Umschlag als mit Bleisäure-Batterien möglich. „Für uns sind geringe Ladezeiten oder größere Erdgas-Tanks wichtige Zukunftsthemen“, sagt der Logistiker Monlleó.


Klar ist: Die Getränkelagerhalle bleibt ein Ort der Vielfalt und widersprüchlichen Herausforderungen: Schnell, sicher, kosteneffizient und nachhaltig sollen die Flaschen, Dosen und Fässer bewegt werden. Egal ob für ausgewählte Mischpaletten oder uniforme Mehrfachpaletten – die Getränkeindustrie braucht für diese so unterschiedlichen Anforderungen auch weiterhin den flexiblen Stapler.

Die Getränkeindustrie lässt sich in zwei Kategorien unterteilen: Nicht-alkoholische Getränkehersteller (Softdrinks, Säfte, Wasser, Tee und Kaffee) und Alkohol-Hersteller von Wein, Bier und Spirituosen. Obwohl das auf den ersten Blick sehr übersichtlich scheint, sind die Hersteller, was Anforderungen, Herstellungsmethoden oder Logistik angeht, sehr unterschiedlich und stark fragmentiert. Zur Branche gehören auch die Hersteller von Dosen und Flaschen. Neben einer Vielzahl kleiner und regionaler Produzenten dominieren einige große Unternehmen, die in hartem Wettbewerb stehen. Die meisten Produzenten sind außerdem schwankenden Rohstoffpreisen ausgeliefert. Zu den größten Unternehmen gehören Coca-Cola, Nestlé, AB InBev, PepsiCo oder Heineken.

Wie andere Konsumgüterindustrien auch muss sich die Getränkeindustrie mit verändertem Kundenverhalten auseinandersetzen: Der Anspruch auf schnellere Lieferzeiten, stark individualisierte Kaufentscheidungen und die Lust am E-Commerce stellen erhöhte Anforderungen an Umschlagleistung und Effizienz. Steigende Mietpreise führen dazu, dass Getränkelager heute eher in die Höhe wachsen. Gefragt sind intralogistische Lösungen, die auf alle diese Anforderungen eine Antwort finden, die schnell, sicher und gleichzeitig kosteneffizient ist.

Spezielle Sicherheitslösungen wie Load Control oder Dynamic Mast Control von Linde MH sind Features, für die Getränkeproduzenten aufgrund ihrer fragilen Fracht bei gleichzeitig hohem Umschlag gerne mehr investieren. Das gleiche gilt für die erhöhte Fahrerkabine, die eine bessere Sicht ermöglicht, und die einige internationale Wettbewerber so nicht im Programm haben. Der verstärkte Trend zur Automatisierung bedeutet Marktchancen, zum Beispiel durch leistungsfähige, automatisierte Gegengewichtsstapler – oder auch für das gesamte Portfolio von Dematic.

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