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Das Warenlager: Vorbild für Modernität

Beim Deutschen Materialfluss-Kongress des VDI traf sich die Intralogistik-Branche zum Austausch und zur gegenseitigen Inspiration. Auch die KION Group lieferte Beispiele für die Frage: Wie sieht die Zukunft der Intralogistik aus?

2019-04-01

„Die Intralogistik ist eine Pilotbranche für innovative Technologien“, betont Professor Johannes Fottner vom Lehrstuhl Fördertechnik, Materialfluss und Logistik an der Technischen Universität München. Die Universität ist traditionell Gastgeber des Deutschen Materialfluss-Kongresses, dem Branchentreffen des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), an dem Wissenschaftler, Produzenten und Kunden zusammenkommen, um über Trends zu diskutieren. Und Trends gibt es so einige rund um das Warenlager: Künstliche Intelligenz, Machine Learning, Automatisierung – fast alles, was in Gesellschaft und Industrie wahlweise zwischen „Zukunft“ und „Hype“ diskutiert wird, taucht prominent im Umfeld der Intralogistik auf.

Das ist auch augenfällig beim Materialfluss-Kongress Ende März in München, bei dem Forscher aktuelle Ergebnisse präsentieren, Intralogistik-Hersteller für neue Ideen werben und Anwender darstellen, was sie sich als Lösungen erhoffen. Manchmal auch alles gleichzeitig, wie beim QBIIK-Projekt, an dem auch die KION Group beteiligt ist: Einem Forschungszusammenschluss von Hochschulen und Unternehmen, um eine Kommissionierplattform mit Robotik zu verknüpfen. Der autonome iGo Neo Routenzug von STILL bildet dabei die Plattform für einen Roboterarm. „Einen mobilen Roboter auf einer mobilen Plattform gab es so bislang noch nicht“, sagt Jonathan Dziedzitz vom Karlsruher Institut für Technologie bei der Projektpräsentation.

Der Trend der Zukunft muss darin bestehen, von einem stabilen, aber noch nicht optimierten Zustand zu starten.

Professor Johannes Fottner

Innovative Produkte allein reichen nicht

Zahlreiche klassische Maschinenbauunternehmen aus der Intralogistik mussten in den vergangenen Jahren buchstäblich lernen, wie man mit Software umgeht – ein wiederkehrendes Thema auf dem Kongress. Hersteller fragen sich: Welche Kompetenzen brauchen wir? Reicht es aus, sich mit Automatisierungstechnik zu beschäftigen, oder sollte man bereits einen weiteren Schritt vorausschauen, in Richtung Themen wie Sensorsysteme, Augmented Reality und Energiespeicher?

Deutlich wird bei vielen der Vorträge allerdings auch: Innovative Produkte allein reichen nicht aus. „Sie müssen auch in das Konzept und die Prozesskette der Kunden passen“, sagt Professor Fottner. So diskutiert die Branche beim VDI-Kongress auch den Umgang mit Innovationen und die Erwartungshaltung der Kunden. Wie lässt sich der Spagat bewältigen, dass Intralogistik-Anwender einerseits modernste Technologie wünschen, die eng getaktete Realität der Lagerhallen andererseits aber wenig Spielraum lässt, um neue Ideen tatsächlich zu testen? „Der Trend der Zukunft muss darin bestehen, von einem stabilen, aber noch nicht optimierten Zustand zu starten“, glaubt Fottner.

Und während viele etablierte Hersteller an Modellen feilen, wie sie Innovation befördern, berichten auf dem Kongress Start-Ups davon, wie sie darum ringen, neue Ideen zu drosseln, um bei der Produktentwicklung schneller und zuverlässiger zu werden. Deutlich wird dabei auch: Junge Innovationsschmieden stehen oft vor der Herausforderung, ihre Ideen tatsächlich in Produkte zu verwandeln, auch deshalb gibt es immer häufiger Kooperationen zwischen neuen und erfahrenen Unternehmen.

Online-Handel als Labor für Zukunftsfragen

Zumal Technologie allein selten die Lösung darstellt. „Häufig höre ich die Frage: Kann man das automatisieren?‘“, sagt Günter Ullrich, Leiter der Interessengemeinschaft Forum-FTS für fahrerlose Transportsysteme, bei der unter anderen auch Dematic Mitglied ist. „Die richtige Frage wäre: ‚Wie soll deine Produktionslogistik in zehn Jahren aussehen?“, fügt Ullrich an. Nur wer die richtigen Fragen über die Zukunft stellt, kann sich bereits in der Gegenwart darauf vorbereiten.

Ein ganz eigenes Labor für Zukunftsfragen ist nach wie vor der Online-Handel: Die Kombination von möglichst schnellen Reaktionszeiten bei häufig stark heterogenen Sortimenten bildet noch immer eine besondere Herausforderung für Automatisierung. Dematic präsentiert auf dem Kongress dazu sein neues Automated Mixed Case Palletizing – eine Anlage, die mit Hilfe von Hängetaschen problemlos sehr verschiedene Produkte transportieren und sortieren kann. „Wir ergänzen und standardisieren damit Be- und Entladestationen“, sagt Lars Zeidlewicz, Produktmanager bei Dematic – ein klassischerweise zeitlich kritischer Bereich in der Lagerlogistik.

Was Städte von Intralogistik lernen können

Kann die Intralogistik angesichts dieser Kombination an Innovationsfreude, Zukunftsblick und technischem Know-How sogar Vorbild für andere Bereiche sein? Ein mehrteiliger Vortragsblock auf dem Kongress widmet sich schließlich der Frage, was Städte und Verkehrsplaner vom Warenlager lernen können. Schließlich stehen viele Städte vor verblüffend ähnlichen Problemen: Sie müssen Bewegungsströme organisieren, Verkehr schlau managen, und Räume bestmöglich nutzen. „Was wir als Intralogistiker tun, hat einen großen Nutzen, um Kommunen in ihrer Logistik zu beraten“, ist Markus Schmermund, Vice President Intralogistics Solution von Linde Material Handling überzeugt. Die Intralogistik-Trends Vernetzung, Individualisierung und Automatisierung seien auch auf Städte übertragbar: „Aber dafür benötigen wir nicht nur unsere Produktkompetenz, sondern vor allem unsere Prozesskompetenz.“ Innovation bedeutet eben nicht nur in technischen Entwicklungen, sondern vor allem auch zukunftsweisende Ideen und ein klarer Blick auf Prozesse und Lösungen. Die Intralogistik kann genau das bieten.