2020-06-09

Mehr als nur eine Maschine

Was macht einen perfekten Arbeitskollegen aus? Er ist zuverlässig, eigenständig und übernimmt auch schwere und monotone Aufgaben, ohne sich zu beklagen. All diese Anforderungen erfüllt ein FTS (Fahrerloses Transportsystem) oder auf Englisch AGV (Automated Guided Vehicle) – und das schon seit mittlerweile sechs Jahrzehnten. Dabei finden sich die zunehmend intelligenter werdenden Maschinen nicht nur immer besser zurecht, sondern fügen sich auch ins Team der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter perfekt ein: als beliebte Kollegen und einfach unentbehrliche Helfer.

Wer auf dem Firmengelände von Bay Bell Aluminium im tasmanischen George Town unterwegs ist, begegnet zwei der berühmtesten Roboter der Filmgeschichte: Denn die beiden AGVs, die hier seit 2018 den Transport von 190.000 Tonnen Aluminium pro Jahr regeln, sehen aus wie Wall•E und R2D2. Unermüdlich ziehen sie ihre Bahnen auf den 500 Metern zwischen der Produktionshalle und dem Warenlager im Freien – 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. „Die AGVs haben Bell Bay Aluminium geholfen, die Arbeitseffizienz und die Sicherheit für unsere Mitarbeiter zu verbessern“, berichtet Tim Clark, Spezialist für Prozesssteuerungssysteme bei Bell Bay Aluminium. Damit die Belegschaft von Anfang an eine freundschaftliche Beziehung zu den stählernen „Teamkollegen“ entwickeln, durften sie beim Design mitentscheiden – und wählten die bekannten Protagonisten aus Star Wars und der beliebten Pixar-Produktion.

Produziert wurden die beiden AGVs von der KION Tochter Dematic. Sie vertreibt weltweit ihre automatisierten Transportsysteme und beobachtet dabei immer wieder, dass ihren Fahrzeugen von den Mitarbeitern ihrer Kunden gern menschliche, wenn nicht sogar über-menschliche Fähigkeiten zugeschrieben werden. „Unsere AGVs sind plötzlich nicht mehr nur fahrende ‚Dematics‘, sondern kostümierte Superhelden, Maskottchen und vieles mehr“, erzählt Jessica Heinz, Leitung Marketing und Business Development Dematic Central Europe. Die Beispiele, die diese Beobachtung belegen, sind vielfältig – und finden sich überall auf der Welt: Die AGV-Flotte der australischen Toll-Gruppe beispielsweise hat heroische Namen – von „Wonder Woman“ bis „Superman“. Die automatisierte Flotte bei General Mills Cereals in Amerika ist mit Namen von Universitäten getauft. Der niederländische Snackhersteller Duyvis hat seinen AGVs Namen aus dem Comic „Suske & Wiske“ gegeben. Und bei der Meffert AG Farbwerke im sächsischen Ostrau sind zwei autonome Fahrzeuge vom FTS-Spezialisten Egemin, der 2017 vollständig bei Dematic integriert wurde, mit dem Namen „Hugo“ im Einsatz. Bereits seit 1996 gehen die Mitarbeiter im Werk mit ihren beiden „Hugos“ völlig selbstverständlich um – und erteilten ihnen zu ihrem 18. Geburtstag im Jahr 2014 scherzhaft die offizielle Erlaubnis, ab jetzt alleine zu fahren. Doch das haben die beiden FTS ohnehin schon vom ersten Tag an mit Bravour gemeistert und ihren menschlichen Kollegen eine Menge Arbeit abgenommen. Mittlerweile sind sie seit 23 Jahren zuverlässig unterwegs – und nach zusammengenommen rund 100.000 unfallfreien Betriebsstunden immer noch fit wie am ersten Tag.

Futurismus, der fasziniert

Die Begeisterung für selbstfahrende Fahrzeuge ist fast so alt wie die Geschichte der AGVs selbst. Sie geht zurück ins Jahr 1954, als Barrett Electronics mit dem „Guide-O-Matic” im amerikanischen Northbrook, Illinois, das weltweit erste AGV erfand. Von Anfang an stießen die zukunftsweisenden „Roboter“ auf besonderes Interesse bei den Menschen – denn sie boten einen Vorgeschmack auf eine aufregende und exotisch anmutende Zukunft. Bis auf die Kinoleinwand geschafft hat es eines der mehr als 4.000 „Mailmobiles“, die seit den 1970er Jahren in vielen amerikanischen Bürogebäuden für die Postzustellung zuständig waren, im Drama „The Americans“. Die fleißigste Vertreterin der Mailmobiles jedoch ist „Molly McMail“. Seit 1985 hat sie unzählige Briefe in einer amerikanischen Citizen Bank ausgeliefert. Aber mit dem Siegeszug der E-Mail kam das Aus für die Mailmobiles. So wurde auch Molly McMail 2015 mit einer gebührenden Feier in den Ruhestand verabschiedet. In den sozialen Medien ist sie aber bis heute aktiv: Hier begeistert sie unter @MollyBeepBeep mit lustigen Statusmeldungen wie „Sometimes I feel like my life is on automatic” und „I like to keep on track and I'm a big big big fan of RUSH (the band)“.

Willkommen in der Zukunft

Der geistige Ursprung von Molly McMail und Co. lebt in den modernen AGVs der KION Marken Dematic, Linde Material Handling und STILL weiter – auch wenn die Technologie natürlich mittlerweile gewaltige Fortschritte gemacht hat. So orientieren sie sich natürlich längst nicht mehr an statischen Farbmarkierungen in ultravioletter Farbe (wie die Mailmobiles), sondern finden sich dank unterschiedlicher Navigationsarten und moderner Sensortechnik auch in dynamischen Umfeldern reibungslos und unfallfrei zurecht. Bei Linde Material Handling in Aschaffenburg ist ein Linde Robotics Fahrzeug seit 2018 auch in der firmeneigenen Produktion im Einsatz. Der L-MATIC AC unterstützt im Werk 2 die Kabinenmontage für Gabelstapler der Baureihe 387 und wird von den Mitarbeitern liebevoll „Elli“ genannt. Heute transportiert das AGV täglich 40 Kabinen in zwei Schichten und bietet damit eine erhebliche Entlastung für die Bereitstellung am Band. Mark Seidel, Head of Procurement & Customized Options, der Elli seit ihren ersten Fahrten im Werk 2 begleitet hat, fasst den Erfolg des Pilotprojekts zusammen: „Elli wird akzeptiert von den Mitarbeitern – und sie wird dementsprechend auch als fester Bestandteil in der Produktion weiterlaufen.“

Ein perfektes Team: Neo & Me

Wie gut die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine funktionieren kann, zeigen auch die autonomen Fahrzeuge der „iGo“-Produktfamilie der KION Tochter STILL. Das Grundprinzip: Das autonome Fahrzeug iGo neo interagiert mit dem Bediener wie ein Teamkollege und folgt ihm während des Kommissionierens auf Schritt und Tritt. Dabei lässt das intelligente Fahrzeug dem Kommissionierer stets den Vortritt. Und da es auch das Fahren und Lenken übernimmt, kann der Bediener sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren. Als STILL 2017 den iGo neo CX 20 als erstes autonomes Kommissionierfahrzeug vorstellte, nutzte das Marketing eine emotionale Kampagne unter dem Titel „Neo & Me“, die das Fahrzeug als echte Persönlichkeit und verlässlichen Partner inszenierte. Dementsprechend wurden vor der Produktenthüllung Verweise auf legendäre Partnerschaften zwischen Mensch und Maschine über alle Kanäle gestreut – mit Headlines wie: „Was wäre K.I.T.T. ohne Michael Knight?“.

Zugegeben: Obwohl sie wie das legendäre Auto aus der Kultserie Knightrider mit einer KI ausgestattet sind, können die iGo neos von STILL – auch in ihrer aktuellen Ausführung, dem Horizontalkommissionierer OPX iGo neo – immer noch nicht sprechen. Dafür stehen sie stets an der Seite des eigentlichen Helden: nämlich des Menschen, der sie bedient. Auch nach sechs Jahrzehnten werden die Maschinen die Menschen nicht ersetzen. Es geht vielmehr darum, gemeinsam als ein Team zu agieren – höchst professionell und effizient. Und manchmal sogar (fast) freundschaftlich.

Weg mit der lästigen Routine

Zwischen Historie und Moderne: Dematic automatisiert riesige Bibliotheken